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Der Max und der Oscar

Über Nacht wurde Max Lang vom Filmakademie-Studenten zum Oscarnominierten. Von einem, der in Duisburg geboren, in Ludwigsburg gereift, in Hollywood gefragt und in London gelandet ist.

London, 202 Upper Street, Islington. Auf dem Gehsteig nimmt eine Taube ihr zweites Frühstück. Frische acht Grad. An den Schaufenstern flaniert eine Dame mit reifer Haut vorbei, die Hüfte von einem dicken Wintermantel umschlungen, die Füße nackt in Sandalen. Ein junger Morgen in einer alten Stadt, die jeden nimmt, wie er ist.

Max Lang sitzt in seinem Lieblingscafé auf einem ledernen Sofa mit Kissen im Design der britischen Flagge. Neben ihm steht ein Cappuccino, um den Bauch hat er ein Tragetuch, in dem sich seine fünf Monate alte Tochter Lulu räkelt. So also sehen Siegertypen aus. Gestatten Max Lang, Regisseur, Filmemacher und beinahe Oscarpreisträger.

Vater und Tochter geben ein hübsches Bild ab. In den USA nennt man einen Augenblick, der unbedingt auf Film gebannt werden muss, Kodak Moment. In letzter Zeit hat es nicht nur einen Kodak Moment bei Max Lang gegeben. Frau fürs Leben gefunden. Familie gegründet. In Hollywood mit Sandra Bullock, Steven Spielberg, und Nicole Kidman über den roten Teppich marschiert. Spult Max Lang seinen biografischen Film zurück, reibt er sich selbst manchmal verwundert die Augen. Gäbe es ein Drehbuch, wäre es vermutlich von jedem Produzenten abgelehnt worden, weil die Story einfach zu verrückt ist, um wahr zu sein.

Heute ist London, gestern war Duisburg. In der Rückblende lässt Max Lang seine Kamera auf einen jungen Burschen fahren, Jahrgang 1982, der im Ruhrgebiet aufwächst und gerne zeichnet. „Am liebsten Tiere.“ Mit 14 faszinieren ihn Zeichentrickfilme. Walt Disney ist das Maß aller Dinge. Noch ahnt keiner, dass er später einmal als Regisseur mit diesem Imperium um den Oscar konkurrieren würde.

Nach dem Abitur wechselt Max Lang auf die Animation School in Hamburg. Bisher konnte er bloß gut zeichnen. Jetzt beschäftigt er sich mit dem Modellieren von Figuren und Charakteren, lernt was Storytelling ist und Life-Drawing. 14 Monate dauert der Kurs, bei dem er zum ersten Mal von der Filmakademie in Ludwigsburg hört, deren Animationsinstitut zu den besten der Welt gehört.

Dort will er hin. Max Lang wird Student und mietet sich in der Barockstadt eine kleine Wohnung gleich neben der Akademie. Mittags isst er im Blauen Engel auf dem Campus „Pizza des Tages“. Nachts taucht er am Rechner tief in Fantasiewelten ein und dringt in Landstriche vor, die keiner je gesehen hat. Nebenbei jobbt der Animator ein bisschen im Studio Soi, gegründet von sieben Akademieabsolventen, die im Ludwigsburger Film- und Medienzentrum Geschichten in bewegten Bildern erzählen. Die Jungunternehmer produzieren fürs Sandmännchen, machen Werbefilme für die Deutsche Bahn und setzen nebenbei auch den Klopapierhersteller Zewa ins hautweiche Licht.

Max Lang koloriert dort Hintergründe und geht manchmal den Studiomitgründern Jakob Schuh und Saschka Unseld zur Hand. Die beiden haben einen dicken Fisch an Land gezogen. Mit einem Etat von einer Million Euro sollen sie im Auftrag des Animationsfilmproduzenten Michael Rose dem Kinderbuchklassiker „Grüffelo“ das Laufen beibringen.

Der Job ist ein Riesending für die Ludwigsburger, doch als es richtig losgeht, wird Saschka Unseld vom Branchenprimus Pixar nach Hollywood gelockt. Es fehlt der zweite Regisseur. Kein anderer ist so gut im Thema wie der Student Max Lang. Also bekommt er den Job seines Lebens.

Gemeinsam mit Jakob Schuh schottet er sich in der Werkstatt ab, zeichnet, organisiert, verhandelt. Auf den Schultern der Animationsregisseure lastet eine Menge Druck. Millionen kleiner Leseratten lieben die Geschichte der Maus, die in einem tiefen Wald voller Gefahren lebt und sich mit der Kraft ihrer Fantasie das Überleben sichert. Sie erfindet einen starken Freund, den Grüffelo, der am liebsten Fuchsspieß, Eule mit Zuckerguss und Schlangenpüree vertilgt. Die Fabel, aufgeschrieben von der Britin Julia Donaldson und hübsch illustriert vom Deutschen Axel Scheffler, wurde in insgesamt 26 Sprachen übersetzt.

Wie macht man aus einem von Dialogen geprägten Bestseller, der in wenigen Minuten vorgelesen ist, einen kurzweiligen Film von einer halben Stunde? 18 Monate lang beschäftigen sich Max Lang und Jakob Schuh mit genau dieser Frage. Nach ersten Handskizzen werden Maus, Fuchs, Eule und Schlange digital erschaffen. Solche Figuren sind wie Marionetten. Der Computer ersetzt die Fäden. In der wirklichen Welt entstehen fünf Meter große Waldmodelle. Zweidimensionale Kulissen werden abfotografiert und mit dreidimensionalen Wesen verschmolzen. Die beiden Regisseure feilen, fluchen, flehen. Ihren Protagonisten hauchen sie Seele ein, dem Film Spannung. Ihre Maus lassen sie durchs Wasser fliehen, während hinter ihr einer nach dem anderen gefressen wird. Die Mücke von der Spinne, der Fisch vom Reiher.

Ein Trickfilm frisst 25 einzelne Bilder pro Sekunde. In den großen amerikanischen Traumfabriken arbeiten daran oft tausend Leute. Die Ludwigsburger sind dagegen ein kleiner Haufen von Idealisten. Max Lang, der Student, nimmt sich ein Urlaubssemester, um sich voll auf die Produktion konzentrieren zu können, die immer größer und internationaler wird. In London trifft er sich mit renommierten Schauspielern wie John Hurt, Helena Bonham Carter und Robbie Coltrane, die als Synchronsprecher gewonnen werden. Für die deutsche Version verpflichten die Ludwigsburger Regisseure Heike Makatsch und Christian Ulmen.

Auch jenseits der Fabelwesen geht es bei Max Lang zu wie im Bilderbuch. Beim Cartoon-Forum in Ludwigsburg, wo sich traditionell die Animationsbranche trifft, begegnet ihm eher zufällig Suzanne, eine amerikanische Produzentin, die seit sechs Jahren in London lebt. Weil er dort jetzt auch öfter hin muss, schaut er gelegentlich vorbei. Es wird sein ganzes Leben umkrempeln.

Nach Monaten mit wenig Schlaf hat das schwäbische Animationsstudio das Werk vollbracht. Wie reagiert das Publikum? Am 25. Dezember 2009 wird der Streifen uraufgeführt. Zehn Millionen Menschen verfolgen beim englischen Fernsehkanal BBC, wie die schlaue Maus dem gefräßigen Ungeheuer eine lange Nase dreht. Es dauert nicht lange, bis die ersten Preise eintrudeln. Beim Prix Jeunesse wird die Produktion doppelt ausgezeichnet: von der Experten- und der Kinderjury. Irgendwann kommt dieser seltsame Anruf aus Hollywood: „Euer Film ist in der Kategorie ‚Bester animierter Kurzfilm‘ für den Oscar nominiert.“

Cut. Im Café an der Upper Street wacht Lulu plötzlich auf. Max Langs biografischer Film ist in der Gegenwart angekommen. Die Szene ist ungeschnitten. Lulu strahlt ihren Vater an. Sie ist jetzt die neue Hauptfigur in seinem Leben, da hat weder die Maus noch das Monster eine Chance.

Hollywood liegt hinter ihm. Im Februar war er dort, hat sich die großen Studios angesehen, Interviews gegeben und den Abend im Kodak Theatre genossen. Es hat am Ende nicht gereicht, aber es war ein viel versprechender Anfang. „Man kann sich wohl keinen besseren Start in die Karriere wünschen“, sagt Max Lang. „Es wird wohl nicht ganz leicht, das in Zukunft noch zu steigern.“

Vor wenigen Tagen hat er sein Diplom bekommen. Der Student, der für den Oscar nominiert war, arbeitet künftig als Freiberufler. Die Koffer in Old Germany hat er gepackt. Max Lang wohnt jetzt mit Suzanne und Lulu in London. Auch dort gibt es gute Studios. Nach Ludwigsburg wird es ihn trotzdem immer wieder ziehen. Das nächste Projekt mit dem Studio Soi ist bereits angedacht. Es geht um einen Trickfilm über ein Buch der Grüffelo-Mutter Julia Donaldson. Mehr verrät er nicht. Vielleicht lehrt er auch irgendwann an der Filmakademie. Es gibt einiges zu erzählen. Max Lang ist Spezialist für fabelhafte Geschichten, die das Leben schreibt.

London, 202 Upper Street, Islington. Draußen vor dem Café lugt die Sonne für einen Moment durch bauschige Wolken. Abspann. Der Regisseur packt zusammen. Sein Drehbuch sieht einen flotten Marsch nach Hause vor. Lulu hat Kohldampf.