Wissenschaft
und
Hochschulen
Übersicht
Hochschul- und Wissenschaftsregion Stuttgart
 
Studenten-
ansichten
Über uns
Kontakt
 
Naturwissen-
schaften
Wirtschaft
Finanzen
Management
Kunst
Medien
Musik
Technik
IT-Wesen
Architektur
Bauwesen
Pädagogik
Sozialwesen
 
 
die welt verändern. No11 Magazin ansehen »

Wirtschaft, Finanzen, Management

Portraits mehr »

exemplarische Studienangebote mehr »

Hochschulen mehr »

Geldgeber im Blick

Innovationen sind das Elexier für Wachstum. Die Professorin Tereza Tykvova forscht auf diesem Gebiet und füllt an der Uni Hohenheim vermeintlich trockene Themen mit Leben.

In Tereza Tykvovas Büro lehnt ein Fahrrad an einer Wand, die gespickt ist mit bunten Kinderzeichungen von Blumen und Schmetterlingen. Daneben steht ein Glücksschwein aus rosa Stoff. Das Fahrrad braucht die 41-jährige Wirtschaftswissenschaftlerin, um zum Schloss zu fahren, wenn sie dort die Vorlesung „Corporate Finance“ hält. Der repräsentative Sitz der Uni Hohenheim ist nämlich genau am anderen Ende des Ortes als der Lehrstuhl für Unternehmensfinanzierung, den die junge Professorin leitet. Die Bilder lassen ihr auch an stressigen Arbeitstagen ihre neunjährige Tochter nah sein. Und das Schwein? Das hat ihr Glück gebracht!

Für gewöhnlich erwartet man bei einer Frau, die sich beruflich mit Zahlen, Logik und rationalen Entscheidungsprozessen beschäftigt, nicht unbedingt ein Symbol für den irrationalen Glücks-Glauben. Trotzdem passt das lustige Schwein irgendwie zu ihr. Tereza Tykvovas Geschichte zeigt nämlich, dass die richtige Mischung aus Glauben, Planung, Wagnis und gefühlshaften Bauchentscheidungen zum Ziel führt. Ähnliche Zutaten vermengen sich auch, wenn es um Innovationen geht. Womit man direkt in ihrem Forschungsgebiet angelangt ist. „Das ist wahnsinnig spannend“, ruft die hochgewachsene Frau im eleganten Carorock aus, sobald das Thema aufkommt. Wer ihr eine Weile zuhört bekommt ein Bild davon, wie sie die Studierenden dafür begeistert, wie wichtig Innovationen für das Wachstum sind und unser tagtägliches Leben beeinflussen. „Denken Sie an diesen verrückten Kerl namens Bill Gates in den 70er Jahren, der damals sagte, dass bald in jedem Haushalt ein Computer stehen würde“, sagt sie. Fast jeder hat ihn damals für einen Spinner gehalten. In einer Zeit, in der alle noch mit der Schreibmaschine schrieben, hätte ihm wohl keine Bank in Deutschland einen Kredit gegeben.

Während es in den USA Geldgeber für solche Ideen gibt, hinkt Deutschland bisweilen hinterher. „Wir haben gerade hier in Baden-Württemberg viele etablierte Unternehmen“, sagt die Professorin. Das Silicon Valley mit seinen unzähligen jungen innovativen Startups scheint genau der Gegenentwurf zu sein. Dabei würde eine Mischung aus beidem der Wirtschaft gut tun. Innovationen sorgen für Wachstum, ist die Professorin überzeugt. Aber das Risiko sei hierzulande kein beliebter Gast. Wer Venture Capital, zu deutsch etwa Risikokapital, für eine visionäre Idee bekommen will, müsse eine gewisse Mitsprache von Investoren dulden. „Wir haben hier häufig eine Herr-im-Haus-Mentalität.“ Viele deutsche Unternehmer ertragen ungern einen externen Mitgesellschafter, der sich Mitspracherechte weit über seinen eigentlichen Anteil hin sichert.

Ohne Risiko kein Erfolg, so einfach ist die Formel. Oder auch so kompliziert. Woher soll ein junges deutsches Startup sein erstes Geld für eine visionäre Idee nehmen? „Wir sprechen von drei Fs in der Startup-Finanzierung“, sagt die Wissenschaftlerin und schmunzelt über die Selbstironie ihres Faches: „Family, friends and fools.“ Diese verrückten, leichtsinnigen Geldgeber sind nach ihrer Wahrnehmung in Deutschland seit dem Platzen der Internetblase Mangelware. Das habe die Politik zwar auch erkannt und staatliche Fonds gegründet, die genau solche verrückten Ideen fördern sollen. Aber irgendwie funktioniert das nicht. Die geförderten Unternehmen sind im Schnitt kaum innovativer, kaum erfolgreicher als vergleichbare Unternehmen mit klassischen Krediten. Um herauszubekommen, woran das liegt, dafür braucht man Leute wie Tereza Tykvova. Sie ist eine der wenigen deutschen Forschenden, die sich auf das Thema Venture Capital spezialisiert haben. Ihre aktuelle Studie zeigt, dass eine Mischung aus privatem und staatlichem Risikokapital am besten funktioniert. „Weil sich beide gut ergänzen“, wie sie sagt. Die staatlichen Fonds haben einen längeren Atem, können Kontakte zu weiteren Förderprogrammen vermitteln und ziehen oft die privaten Fonds an, in dem sie einen Teil des Investitionsrisikos übernehmen. Die Privaten können Unternehmen in der Regel besseres Coaching, Beratung und Vernetzung anbieten.

Tereza Tykvova füllt solche trockenen Themen mit einer großen Portion Leben. Sie ist so begeistert von ihrem Fach, dass sie nicht anders kann, als andere mitzureißen. Als sie merkte, wie gerne ihre Studenten mit echten Beispielen arbeiten, Datenbanken beackern und Methoden ausprobieren, stellte sie kurzerhand einen Antrag beim Kultusministerium für Mittel zum Ankauf von Daten. „Jetzt haben wir mit unserem Datenzentrum DALAHO eine der Spitzenpositionen in Deutschland.“ In einem Seminar über Fusionen und Übernahmen durfte sich jeder Student eine entsprechende Transaktionen aus den Daten aussuchen und eine vorhandene Theorie testen. „Das ist für beide Seiten mehr Aufwand als klassische Literaturarbeit“, sagt die Professorin. Die Studierenden müssen sich in Methodenarbeit reinknien und mit Daten kämpfen. „Aber sie sehen, dass die Theorie funktioniert“, sagt sie. Nebenbei seien ihre Schützlinge damit besser für ihren späteren Beruf vorbereitet, wo eventuell genau diese Datenbanken auf sie warten. Da steckt sie gerne mehr Zeit in die Betreuung und Korrekturen. Wie es in der Firmenwelt zugeht, das bekommt sie regelmäßig am Familientisch zu hören. Ihr Mann berät ein großes Unternehmen zur Wirtschaftlichkeit geplanter Investitionen. „Da spielen noch ganz andere Faktoren hinein“, weiß Tereza Tykvova. Immer wieder erklärt sie ihm den theoretischen Hintergrund verzwickter praktischer Probleme. „Es gibt viele Gelegenheiten, sich zu streiten“, sagt sie, „oder sagen wir: sich zu ergänzen.“ Ihr Mann steht für eine der Bauchentscheidungen, die ihr Leben gelenkt haben. Sie lernte ihn als tschechische Studentin während eines Auslandssemesters im Saarland kennen und überzeugte ihn, sie nach Prag zu begleiten. Als er dort nicht heimisch wurde, begleitete sie ihn nach Studienende ins Saarland und nutzte die Gelegenheit, dort einen „Master of Economics“ dran zu hängen.

Nach dem Abschluss bewarb sich die junge Wissenschaftlerin am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim, das nicht nur in erträglicher Entfernung vom Saarland lag, sondern auch wie geschaffen für ihren nächsten Karriereschritt war. Schließlich habe sie dort mehr Leitungserfahrung sammeln können als eine wissenschaftliche Mitarbeiterin an einer Uni, erzählt Tereza Tykvova. Um ihr Ziel nicht aus den Augen zu verlieren, eines Tages als Professorin an einer Uni zu arbeiten, suchte sie sich einen externen Doktorvater und promovierte. Seit drei Jahren ist sie nun Professorin an der Universität Hohenheim.

Mit ihrem Thema des Venture Capitals hat sich die gebürtige Tschechin so ziemlich ans andere Ende dessen begeben, was einst den Grundstein für ihre spätere Karriere gelegt hat: Als Schülerin erlebte sie 1989/90 die Wende in Prag mit, die sie als großes Glück empfand. Ihre Familie war christlich, ihre Eltern systemkritisch. „Ich durfte in der Schule nie erzählen, was wir daheim reden“, erinnert sie sich. Das sei ein großer Konflikt für sie gewesen, denn schließlich gehörte das Gebot „Du sollst nicht lügen“ zu ihrem Glauben. Die Familie stand der Wissenschaft nah, der Vater forschte in der Biochemie, der Mutter war das Studium verwehrt worden, da sie Pfarrerstochter war. Für die Abiturientin Tereza war klar, sie würde eines Tages studieren. Nur was? „Mathe lag mir, aber nur Mathe?“ Als sie beobachtete, wie die Wende weg vom Kommunismus die Wirtschaft beeinflusste, wie der Übergang von der Planwirtschaft in eine Markwirtschaft vonstatten ging, wie sich Unternehmen veränderten – da war klar, was sie interessierte.

Sind wir mit dem Kapitalismus glücklicher? Diese Frage stellt sich ihr nicht, sagt sie lachend, sie sei doch keine Philosophin. Sie persönlich schätzt die Freiheit sehr, sagen zu dürfen, was sie denke. Das gehe oft unter, wenn Menschen über Systeme und Wohlstand redeten, da stehe das Materielle oft zu sehr im Vordergrund. „Aber woran misst man Wohlstand?“ Aus ihrer beruflichen Warte spielen Innovationen eine zentrale Rolle. Tereza Tykvova schaut auf die Bilder ihrer Tochter und auf das rosa Schwein, das ihr ein guter Freund vor ihrem ersten Berufungsvortrag geschenkt hatte und das sie bei den Bewerbungsgesprächen gut versteckt in ihrer Notebooktasche bei sich trug. Die bunten Bilder und der kleine Talisman schweigen über das, was man Glück nennt. Ein Faktor, der letztlich auch im Wirtschaftsleben nicht zu unterschätzen ist.