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Fürsprecher der Bauern

Seinen Hof führt Joachim Rukwied nur noch nebenbei: Als Präsident des Deutschen Bauernverbands sät der einstige Absolvent der HfWU Nürtingen-Geislingen heute mehr Worte als Weizenkörner.

Es ist so ein Morgen, da beneidet man jeden, der draußen arbeiten darf. Der nicht im Büro sitzen muss, sondern erleben kann, wie sich die Nebelschwaden über den noch mit leichtem Frost überzogenen Feldern verziehen. Der das Spiel von Sonne und Wolken über den bewaldeten Hügeln bei Heilbronn zu sehen bekommt. Der Hof des deutschen Bauernpräsidenten in Eberstadt ist an diesem Morgen die Bühne, aufgeführt wird „Frühlingserwachen“.

Joachim Rukwied, der Hofbesitzer, nutzt die Gunst der Stunde. Man muss ihn nicht lange bitten beim Fototermin, nichts lieber als ein Ausflug auf den Acker. Rukwied ist ein Wanderer zwischen den Welten. Er ist Landwirt und gleichzeitig hauptamtlicher Präsident des Deutschen Bauernverbands und damit Ansprechpartner für die Politik und Interessenvertreter von 300.000 Landwirten. Ständig unterwegs, um Berlin und anderswo das Maximum für die Bauernschaft herauszuholen und die Rahmenbedingungen der Agrarpolitik zu beeinflussen.

Hier ein Frühstück mit dem Chef des Bundeskanzleramts, dort ein Termin mit Angela Merkel. Erst am Tag zuvor ist Rukwied von einer Dienstreise nach Warschau zurückgekommen. Am Morgen der Abreise aus Eberstadt hat er sich noch gewundert, warum um 4.30 Uhr noch keiner seiner Mitarbeiter auf dem Traktor sitzt. Es wäre doch der perfekte Zeitpunkt, um die Frostgare zu nutzen und den Boden zu pflügen. Er hat sich vor der Abfahrt zum Frankfurter Flughafen einfach selbst auf den Schlepper gesetzt. Soviel Bodenhaftung muss sein.

Den fliegenden Wechsel zwischen dunklem Anzug und erdverklumpten Gummistiefeln ist Rukwied seit langem gewohnt. Seit 2006 ist er Präsident des baden-württembergischen Bauernverbands, seit 2012 des Bundesverbands. Bei allem verbandspolitischen Engagement – Joachim Rukwied ist immer noch Bauer mit Leib und Seele. Die rund 300 Hektar Äcker und Weinberge bewirtschaften heute vier angestellte Mitarbeiter, aber „im Herbst säe ich selbst einen Acker und bei der Weinlese bin ich auch immer an zwei Tage dabei“, sagt er.

Vorbei sind allerdings die Zeiten, als er schon auf der Autobahn war und wieder umdrehen musste, um einen Gabelstapler wieder in Gang zu bekommen. An dessen Gasversorgungsanlage sind die Mitarbeiter regelmäßig verzweifelt. „Da habe ich über den Anzug eben nochmal den Blaumann gezogen, um die Maschine wieder in Gang zu bringen.“

Der Hof in Eberstadt wird schon in der sechsten Generation von einem Rukwied geführt. Das Engagement für den Berufsstand existiert in der Familie fast schon genauso lange. Der Großvater war Kreisvorsitzender des Bauernverbands Heilbronn. „Seine aktive Zeit habe ich als Junge mitbekommen. Das Fernsehteam kam auf Hof und ich habe zugeschaut“, erzählt er. Es hat nicht lange gedauert und er hat selbst das Fernsehen als Aufmerksamkeitsbeschleuniger für sich genutzt. In den 90er Jahren hat Rukwied eine Protestfahrt mit großen Maschinen nach Weinsberg durchgeführt, die prominent im Südwest-Fernsehen gezeigt wurde. Wenig später hatte er sein Ziel erreicht: Fortan durften die Traktoren wieder durch die Stadt Weinsberg fahren.

Von 1994 bis 2009 saß der Landwirt zudem noch im Gemeinderat von Eberstadt und war einer der Stellvertreter des Bürgermeisters in der 3000-Seelen-Gemeinde. Erst ohne Parteibuch, später als CDU-Mitglied. Auch im Kreistag war er längere Zeit präsent. Parteigeklüngel ist allerdings nicht Rukwieds Feld. Vielleicht ist daran sein Einzug in den Landtag gescheitert. An seinem Talent als Redner kann es nicht gelegen haben, Rukwied spricht frei. Seine Vorträge hat er alle im Geldbeutel. Es sind kleine Zettel, auf denen er Stichworte notiert. Einer davon reicht für eine einstündige Rede.

Der Bauernpräsident liest keine Romane, aber er kann anschaulich erzählen. Man spürt die Hitze förmlich, wenn er im Heilbronner Sing-Sang davon spricht, wie er damals mit seinem Vater das Heu unters Scheunendach „gegabelt“ hat. Rukwied kann sich auch noch gut an das Gefühl erinnern, wenn ihm beim Melken auf dem Schemel ein verschissener Kuhschwanz ins Gesicht geschlagen hat. Die Verklärung der vielleicht doch nicht so guten alten Zeit liegt ihm jedenfalls fern. Rukwied ist ein durch und durch moderner Landwirt, kein Nostalgiker. „Ich bin froh, dass sich die Arbeitsbedingungen in der Landwirtschaft verbessert haben, dass wir heute arbeitsteilig wirtschaften“, sagt er.

„Wenn mir etwas nicht gefällt, dann werde ich aktiv“. So beschreibt der 1961 geborene Heilbronner die Wurzeln seines Engagements. Klar, dass so einer Klassensprecher wird, erst am Gymnasium, später an der Berufsschule. Nach der Ausbildung zum Landwirt hat Joachim Rukwied an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen das nahe liegende Fach Landwirtschaft mit dem Schwerpunkt Betriebswirtschaft studiert. „Wissen kann einem niemand nehmen. Das Studium hat meinen Horizont erweitert, eine qualifizierte wissenschaftliche Ausbildung ist ein Fundament“, sagt Rukwied über seine Zeit in Nürtingen. Dort hat er gelernt, sich zu fokussieren, analytisch an Themen heranzugehen. Bewusst hat er sich damals für eine Fachhochschule mit Praxisbezug entschieden: „Ich wollte nie was anderes als Landwirt werden.“ Aber es sei gut gewesen, auch einmal von daheim fort zu kommen und die Freiheiten des Studentenlebens zu genießen. Von wegen Bauerschläue: Bildung war immer ein hohes Gut in der Familie Rukwied. Auch der Großvater und der Vater des heutigen Bauernpräsidenten haben weiterführende Schulen besucht. Der Onkel von Joachim Rukwied war promovierter Physiker. Als Diplom-Ingenieur ist Rukwied an den elterlichen Hof zurückgekehrt und hat ihn zusammen mit seinem Vater als GbR bewirtschaftet und erheblich vergrößert, 1994 dann übernommen. Bis zum Alter von 83 arbeitete der Vater noch mit. Einmal Bauer, immer Bauer.

Wachstum und Expansion sind für den Landwirt und den Bauernpräsidenten Rukwied bestimmende Maximen. Der Funktionär aus Eberstadt denkt global. Die Zukunft der deutschen Landwirte liege unter anderem in Asien. „In Japan, China oder Korea sind in Deutschland produzierte Lebensmittel gefragt. Wir müssen uns um eine europäische Exportstrategie kümmern“, so die Visionen Rukwieds. Dass die kleinen Höfe immer weniger werden, dass jedes Jahr in Deutschland 1,8 Prozent der Landwirte aufgeben, schmerzt ihn. Aber in jedem Strukturwandel liegt nach Rukwieds Erfahrung auch eine Chance.

„Wer jede Wolke fürchtet, taugt nicht zum Bauern“, lautet ein Sprichwort. Nicht nur in dieser Hinsicht ist Rukwied Bauer durch und durch. Er scheut keine Auseinandersetzung und kann bei Bedarf auch Kante zeigen. „Es gibt bei uns keine Massentierhaltung“ ist eine berühmt-berüchtigte Aussage von ihm, die er 2014 auf der Grünen Woche in Berlin getätigt hat. Der Satz wurde ihm gehörig um die Ohren gehauen. Der Aufruhr war allerdings kalkuliert. „Dass die Pfeile auf mich zielen werden, war mir klar“, sagt Rukwied. Aber dass die Tierhalter immer nur am Pranger stünden, während sie mit ihrer Arbeit kaum etwas verdienten, das hat ihn geärgert.

„Wir haben lange sachlich argumentiert, es war an der Zeit, auch mal einen Pflock reinzuhauen“, so der Präsident des Bauernverbands. Nicht die Zahl der Tiere in einem Stall sei entscheidend, sondern die Bedingungen der Haltung. Besucher in den Ställen wären meist positiv überrascht. „Gefühlt fängt das Phänomen Massentierhaltung bei 1.000 Ferkeln an. Ein Betrieb braucht aber 1.500 Mastplätze, um einer Arbeitskraft ein Einkommen zu ermöglichen“, sagt Rukwied.

Der streitlustige Bauernpräsident hat viel um die Ohren, gestresst wirkt er nicht. Er wacht nicht nur über seinen Hof, sondern auch über seinen Terminkalender. Zeit für das Frühstück mit den drei Kindern, Zeit um ab und zu ein paar Bahnen im Bewässerungsteich zu ziehen oder mit dem Hund zu spazieren, die muss der Kalender hergeben. Weite Wege muss Joachim Rukwied jedenfalls nicht zurücklegen, um wieder Erdung zu bekommen – dafür genügt schon eine Runde auf dem Traktor.