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Einer mit Benzin im Blut

Thomas Edig ist Vizechef der Firma Porsche. Studiert hat er einst an der Berufsakademie, dem Vorgänger der Dualen Hochschule Baden-Württemberg. Das hat den eingefleischten Autofan geprägt.

Morgens um viertel vor neun sind die Putzfrauen im Stuttgarter Porschemuseum am Start. Sie stauben windschnittige Motorhauben ab und glänzende Pokale, was bei 2.800 Siegen im Motorsport durchaus aufwendig ist. Ein paar Meter von den Trophäen entfernt hängen Bilder von Steve McQueen bei den Dreharbeiten zum Renn-Epos „Le Mans“. „Um zur Legende zu werden, braucht es ein Leben lang“, prangt in dicken Lettern an der Wand. „In Le Mans reichen 24 Stunden.“
Thomas Edig betritt das Porschemuseum mit einem Lächeln. Der Porsche-Vizechef flaniert vorbei an den Boliden des Hauses, die umweht werden von einer Aura, welcher der Umstand zu verdanken ist, dass Zuffenhausen für Auto-Anbeter so etwas ist wie Altötting für Katholiken. Edig setzt sich mitten in die Ausstellung und erzählt von einem, der Benzin im Blut hat.
Geboren im Oktober 1961, wuchs der Stuttgarter unter einem Dach mit Eltern, Großeltern, Tante und Onkel auf. Letzterer hatte sich dem Motorsport verschrieben und ließ die Familie an seiner Leidenschaft teilhaben. „Das Auto stand in der sonntäglichen Mittagsrunde unserer Großfamilie im Zentrum aller Gespräche“, sagt Edig. „Für mich war das faszinierend. Für meine Mutter und für meine Oma weniger.“ Nach Abitur und Bundeswehr heuerte Edig zwar nicht sofort beim Zuffenhausener Sportwagenbauer an, blieb aber immerhin in Sichtweite. Einen Steinwurf von der Porsche-Zentrale entfernt unterschrieb er seinen Ausbildungsvertrag beim Telekommunikationsausrüster Alcatel SEL, wo man die Chancen des Dualen Studiums früh erkannt hatte. Dass Edig 1983 an der Berufsakademie landete, wie die Duale Hochschule damals hieß, hatte mit der ihm eigenen Gewissenhaftigkeit zu tun. Zum Ende seiner Wehrdienstzeit wollte er sich ein Bild von den Ausbildungsstätten für künftige Betriebswirte machen, nahm einen Tag Sonderurlaub und schaute sich die Universität in Karlsruhe an. Mit dem Rennrad fuhr der Soldat aus der Kaserne zur Hochschule und stand plötzlich in der Grundvorlesung Mathematik vor einem total überfüllten Hörsaal. „Der einzige Platz, den ich ergattern konnte, war im Flur“, erinnert sich Edig. „Den Professor konnte ich nicht einmal sehen.“
Der Zweifel nagte am angehenden Studenten. Kurzerhand beantragte er einen weiteren Tag Sonderurlaub und schaute sich die Berufsakademie an, die seinerzeit eine noch junge Institution war. „Der Kontrast zur Uni hätte nicht größer sein können“, sagt Edig. „Da saßen 29 Studenten in der Vorlesung und es gab eine stetige Interaktion mit dem Professor, der aufkommende Fragen sofort klärte. Da wusste ich, was ich wollte. Diese Form des Studierens war auf mich zugeschnitten!“
Für den praktischen Teil ergatterte Edig einen Platz bei der SEL. Die Firma war eines der drei Gründungsunternehmen der Berufsakademie neben Bosch und Daimler und ermöglichte dem angehenden Betriebswirt, sein theoretisches Wissen umgehend anzuwenden, was er gleich nach dem ersten Semester tat, wo es schwerpunktmäßig um Materialwirtschaft ging. „90 Prozent des theoretisch Erlernten konnte ich im Unternehmen sofort einsetzen. Das hat mich motiviert. Ich lernte gerne, weil ich wusste, wofür“, sagt er im Rückblick.
Nach seinem Abschluss als Diplom-Betriebswirt blieb Edig über viele Jahre bei der Alcatel SEL AG in Stuttgart. Er stieg bis zum Arbeitsdirektor auf, bevor er 2002 in den Konzernvorstand von Alcatel in Paris berufen wurde. Wenn er in Stuttgart war und Kunden aus aller Welt bei sich zu Gast hatte, führte er die Leute über Mittag nicht zum Italiener um die Ecke, sondern lieber durchs nahe gelegene Porschemuseum, 1976 für die Allgemeinheit geöffnet und mit 620 Quadratmetern damals noch deutlich kleiner als das 2009 eröffnete neue Porschemuseum. „Das war für mich ein Riesenvergnügen und hat uns vielleicht sogar den einen oder anderen Auftrag gebracht.“
2006 ereilte den Manager ein Ruf, der nach Motoren klang und nach den alten Geschichten aus der Jugend und folglich für einen von seinem Schlag nicht zu ignorieren war: Thomas Edig wechselte zu Porsche, wurde Personalvorstand und später stellvertretender Vorstandsvorsitzender. Ein Glücksfall für beide Seiten. Jedenfalls drängt sich dieser Eindruck auf, wenn man mit ihm durchs Porschemuseum geht und ihn dabei beobachtet. Ein fröhlicher Abendländer, gesegnet mit der Gabe, sich selbst auch in der Pole Position nicht zu wichtig zu nehmen und von der eigenen Marke begeistert bis in die Haarspitzen. Porsche steht für einelange Tradition mit festen Wertvorstellungen. Eine Tradition, die sich zunächst aus der Entwicklung von faszinierenden Sportwagen ableitet. „Porsche ist deutlich mehr als nur eine Fahrmaschine. Es ist die Symbiose zwischen Mensch und Maschine – und zwar seit der Unternehmensgründung“, sagt Edig über seinen Arbeitgeber. „Der Geist nicht aufzugeben, auch wenn es mal schwierig wird, erneut Anlauf zu nehmen und die Hürden, die wir viel lieber als Herausforderungen bezeichnen, zu meistern, das macht Porsche aus und wird ganz entscheidend durch die Menschen geprägt und gelebt, die täglich ihr Bestes geben.“
Im Porschemuseum nimmt der Vormittag Fahrt auf. Zwei Franzosen schlendern hinter vier Japanern durch die Schau und zücken die Digitalkamera. „Quelle voiture!“ Mehr als 35 Prozent der Besucher kommen aus dem Ausland. Die Weitgereisten interessieren sich mehr für Rennwagen als für das Bekenntnis von Ferry Porsche, das hoch gehalten wird an diesem 5.600 Quadratmeter Ausstellungsfläche umfassenden Ort der vorausblickenden Vergangenheit. „Am Anfang schaute ich mich um, konnte aber den Wagen, von dem ich träumte, nicht finden. Also beschloss ich, ihn mir selbst zu bauen.“ Eine Vision, die er als Mission verstand. Und die auch die Porscheaner von heute noch als Mission verstehen, zu denen auch Thomas Edig von ganzem Herzen gehört.
„Die Schubladen unserer Entwickler sind voll“, sagt er inmitten der Zuffenhausener Schau und verweist auf den neuen Sportwagen 918 Spyder, der Verbrennungsmotor und Elektroantrieb kombiniert. Das Auto kommt jetzt auf die Straßen. Man kann sich vorstellen, wie er sich heimlich freut, wenn er an der Ampel ein solches Modell sieht. „Auf der Nürburgring-Nordschleife sind wir neue Traumrekordzeiten mit dem Auto gefahren. Wir können die Nordschleife aber auch völlig emissionsfrei, rein elektrisch umrunden“, schwärmt er. „Dieses Auto gibt ein Bild vom Sportwagen der Zukunft.“
Das Museum füllt sich mehr und mehr. „Seit der Gründung des Unternehmens hat Porsche viele erfolgreiche Geschichten im Sportwagenbau geschrieben“, sagt Edig. „Das Schöne an guten Geschichten ist, dass sie mit jedem Kapitel spannender werden.“ Dafür tut er das Seine. Der Schreibtisch ruft, der Personalvorstand muss weiter. In den vergangenen drei Jahren hat das Unternehmen mehr als 6.000 neue Stellen geschaffen. Auch der Duale Weg führt nach Zuffenhausen. Insgesamt bildet Porsche mehr als 100 DHBW-Studenten aus.
Der Mythos lebt, der Sportwagenbauer ist bei Facharbeitern ebenso gefragt wie bei Ingenieuren. „Allein im vergangenen Jahr sind mehr als 73.000 Bewerbungen bei uns eingegangen“, sagt Thoms Edig. Er selbst muss sich nicht mehr bewerben, er hat seinen Traumjob bereits gefunden.