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Hieb- und stichfest

Für die Uni Hohenheim gewann die Säbelfechterin Julia Preßmar die Hochschulmeisterschaften. Die Wirtschaftswissenschaftlerin weiß nur zu gut, dass auf Höhen mitunter auch Tiefen folgen.

Säbelrasseln schallt aus der Sporthalle. Es riecht nach Schweiß. Julia Preßmar wirft einen flüchtigen Blick hinein und mustert die Jungen und Mädchen, die sich in voller Kampfmontur in Angriff und Verteidigung üben. Wie kleine Musketiere bewegen sie sich aufeinander zu.

Julia Preßmar liebt diesen Sport. „Wenn ich meiner Gegnerin gegenüberstehe, versuche ich vorauszusehen, was ihr nächster Schritt ist“, sagt sie. Der Körper steckt im Trainingsanzug, die Haare sind zu einem Zopf streng nach hinten gebunden. Bevor sie sich Zeit für eine Unterhaltung nimmt, begrüßt sie erst ihren Trainer, der gerade mit den Jungspunden zugange ist. Das gehöre sich so, sagt sie.

Die Studentin ist Hochschulmeisterin im Säbelfechten und eine der erfolgreichsten Fechterinnen im deutschen Nationalkader. Sportlicher und beruflicher Erfolg waren in der Familie von Julia Preßmar schon immer wichtig. Die Mutter, eine begeisterte Reiterin und Squashspielerin, der Vater, ein Zahnarzt. „Meine Eltern sind in jeder Hinsicht Vorbilder. Werte wie Pünktlichkeit und Disziplin haben sie mir vorgelebt“, sagt sie. Das spiegelt sich auch im Leben der Tochter.

Nach dem Abitur geht Julia Preßmar direkt nach Hohenheim, um Wirtschaftswissenschaften zu studieren. Der gute Ruf der Universität und die vielseitige Managementausbildung haben sie überzeugt. Sie schließt in Regelstudienzeit ab und hängt im Anschluss ihren Master an. Jetzt, mit gerade einmal 25 Jahren, schreibt sie als eine der Jüngsten ihre Masterarbeit in Ethikmanagement. „Man braucht Disziplin, die Prüfungen mit guten Noten zu schaffen und nebenher noch zu trainieren und am Wochenende auf Wettkämpfen zu sein“, sagt sie. Das habe sie selbständiger gemacht.

Wohin die Reise nach ihrem Abschluss gehen wird, steht bisher nicht fest. Noch verdrängt sie die Karriereplanung. Sie weiß, im Zeitalter der globalisierten Welt, entscheidet ständige Verfügbarkeit häufig über den beruflichen Erfolg. „Schön wäre daher ein Unternehmen“, sagt sie, „dass mir auch die sportliche Karriere ermöglicht.“ Ein Job im Marketing oder Personalmanagement könnte es werden. Mit dem Säbel allein sei schließlich kein Geld zu verdienen, sagt sie. In ihren Worten schwingt ein Quäntchen Zweifel mit und ein wenig auch die Gewissheit, sich schon bald entscheiden zu müssen.

Nüchtern und sachlich klingt es, wenn sie von Studium und Beruf erzählt. Selbst wenn sie wollte, sie könnte nicht verbergen, wo ihr Herz hängt. Richtig ins Schwärmen gerät Julia Preßmar bei einem Thema: Säbelfechten. „Eine schnelle Waffe“, sagt sie. Muss sie einem Laien den Unterschied zum Florett erklären, klingt das in etwa so: „Beim Florett tänzelt man mehr auf der Stelle.“ Wenn Julia Preßmar über die Planche, also die Fechtbahn, auf ihre Gegnerin zugeht, darf sie ihr nicht wie mit Florett oder Degen nur Stiche, sondern auch Hiebe verpassen. En garde! Prêtes? Allez! – Stellung! Fertig? Los! Drei Worte eröffnen das Gefecht, bei dem sich die Rivalin erst nach 15 Treffern bezwungen gibt. „Es ist wie Schach“, sagt sie. Jeder Angriff und jede Verteidigung ist genau geplant.

Das Planen liegt ihr. Während die Kommilitonen die Miete an der Tankstelle verdienen, erhält Julia Preßmar 200 Euro Grundförderung und ein Stipendium über 300 Euro von der Deutschen Bank. Große Sprünge lassen sich damit zwar nicht machen, doch nur so kann sie studieren und bis zu fünf Mal in der Woche trainieren. Hinzu kommen noch drei bis vier Einzellektionen mit dem Trainer. Beinarbeit ist besonders wichtig, die macht zu Saisonbeginn schon mal 60 Prozent des Trainings aus. Um auf internationalem Niveau in der Gruppe der Aktiven zu fechten und mit den USA oder China mitzuhalten, wo die Athleten zweimal täglich trainieren, ist dies unabdingbar. Dass Talent allein nicht reicht und auf einen steilen Aufstieg ein tiefer Sturz folgen kann, hat sie am eigenen Leib erfahren, als sie innerhalb eines Jahres in der Rangliste nach hinten durchgereicht wurde.

Seit der Kindheit in Eislingen, wo sie bis heute lebt, ist ihr Alltag komplett durchstrukturiert. Alles dreht sich um den Sport. Schule. Lernen. Training. Regenerieren. Der Erfolg stellt sich früh ein. Mit 15 kämpft sie in der Klasse der 19-Jährigen. „Ich bin schnell nach oben gekommen und war damals bei den Junioren in der Weltspitze unter den ersten 20.“ Julia Preßmar erklärt sich ihren Erfolg in dieser Zeit auch mit dem mangelnden Druck. Alles fühlte sich nach Spaß an. Doch die Luft an der Spitze ist dünn. Irgendwann kommt der Druck. Manche beflügelt er, andere beschwert er. Der Druck trifft sie mit seiner ganzen Wucht. „Ich wollte meine Ergebnisse natürlich bestätigen“, sagt sie. Aber nichts läuft wie geplant, Gefecht um Gefecht muss sie verloren geben und am Ende des Jahres findet sie ihren Namen 50 Plätze weiter unten in der Rangliste.

„Meine Karriere war schon sehr speziell“, sagt Julia Preßmar. „Mir wurde beigebracht nach Niederlagen nicht aufzugeben.“ Sie stand prompt wieder auf. Vielleicht lag es am süßen Geschmack der frühen Erfolge, vielleicht auch an der familiären Prägung und der mit ihr einhergehenden Erkenntnis, dass sich harte Arbeit auszahlt. Niederlagen können auch stark machen. Julia Preßmar erinnert sich an eine Begegnung in London in der vorletzten Saison. Sie verlor gegen die Chinesin Xiaodong Chen, damals die Weltranglistenzehnte, mit 13 zu 15. „Das war so knapp, das hätte ich auch gewinnen können. Da kann ich doch nicht sagen, ich hätte schlecht gefochten“, sagt sie.

In der Eislinger Sporthalle wirft sich Julia Preßmar in ihre Fechtsachen, grazil wie eine Ballerina schlüpft sie in Brustschutz und Jacke. Das Umziehen ist ihr tägliches Ritual. Die Maske mit dem markanten Gittervisier, dessen feines Drahtgeflecht nicht mehr als zwei Millimeter große Maschen enthält, klemmt sie unter den Arm. Bewundernd schauen die jüngeren Mädchen zu ihr herüber. Für viele ist Julia Preßmar ein Vorbild. Wenn es ihre Zeit erlaubt, begleitet die Sportlerin die Gruppe ihres Trainers auch zu Lehrgängen. Julia Preßmar erinnert sich gut an ihre frühen Tage, als sie zu den älteren Fechterinnen aufblickte. „Heute sehen die Mädchen mich, meinen Erfolg und wie viel ich trainiere. Manche schauen sich das ab.“

Tief in ihrem Herzen ist da dieses Gefühl, eines, das sie nicht beschreiben kann, ein innerer Antrieb, der ihr die Kraft gibt, Studium und Sport unter einen Hut zu kriegen. Sie hat nicht ganz so viel Zeit für Freunde, lässt auch mal eine Party sausen, wenn am nächsten Morgen Training ist. „Man muss schon eine gewisse Beklopptheit haben, sonst hätte ich schon längst aufgehört“, sagt sie. Im vergangenen Herbst ist sie bereits zum zweiten Mal in Folge deutsche Hochschulmeisterin geworden. Das sei schön und sie trete gern für Hohenheim an, doch auf nationaler oder gar internationaler Ebene bedeute dies nichts, erzählt die Sportlerin. „Die Leute sind halt von Titeln beeindruckt.“ Das sei zwar okay, „aber bei einem Weltcup-Turnier unter die besten 32 zu kommen ist sehr gut“, sagt sie. Punkte für die Rangliste sammeln kann die Fechterin, die bereits 20 Medaillen an ihrer Wand hängen hat, ohnehin nur auf bestimmten Turnieren. Ihr großes Ziel ist es, wieder bei der Europa- und der Weltmeisterschaft mitzufechten.

Mit ihrem aktuellen Rang neun in Deutschland ist sie unzufrieden. Nur die besten vier dürfen mit zur Weltmeisterschaft. Für Julia Preßmar heißt es jetzt weiter Punkte sammeln und die Nerven behalten. Sie weiß, die Nervosität ist ihr größter Feind. „Im Training fechte ich häufig besser als bei Turnieren“, sagt sie. Ihre Erfahrung hat gezeigt: Wenn sich zwei gleich starke Gegnerinnen gegenüberstehen, gewinnt die mit dem größeren Selbstbewusstsein. Julia Preßmar will die sein, die an sich glaubt.