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Der Hörsaal als Bühne

Jura kann trocken sein. Lehrt Peter Förschler Wirschaftsrecht, hat das indes Unterhaltungswert. Der Professor an der Hochschule in Nürtingen ist durchaus gesegnet mit mancherlei Talent.

Der Flügel steht nicht umsonst im Wohnzimmer. Peter Förschler ist ein leidenschaftlicher Liebhaber der Zwanziger Jahre – und er ist schnell. Im Denken, im Sprechen und im Rollenwechsel. Keine zwei Sekunden, und aus dem ehrwürdigen Professor für Wirtschaftsrecht an der Hochschule Nürtingen wird ein charmanter Vortragskünstler, der sich selbst musikalisch begleitet und mit rollendem „r“ auf der Zunge und viel Bewegung in den Augenbrauen von der Liebe und dem Frühling kündet. Der kurze Ausflug in die Goldenen Zwanziger spielt mit feinsinnigen Frivolitäten, hat Witz und Hintersinn. Peter Förschler ist in seinem Element. In Kürze steht wieder ein Auftritt an.

Dabei steckt der Hochschullehrer mit Faible für nostalgisches Kabarett gerade mitten in der Vorbereitung für das neue Semester. Im Garten gibt es noch viel zu tun und die kleinen Söhne verlangen nach dem Papa. „Ich habe viele Leidenschaften. Zu viele“, sagt Peter Förschler und seufzt. Halb resigniert, halb amüsiert. Jura als Broterwerb, die schönen Künste als Ausgleich für die bisweilen trockenen Gesetzestexte? So einfach ist das bei Peter Förschler nicht. Wenn er über die Einhaltung von gesetzlichen Vorschriften in Firmen und von unternehmensinternen Richtlinien spricht, kurz über Compliance, dann tut er dies mit derselben Begeisterung, mit der er vor wenigen Minuten noch an seinem Flügel gespielt und gesungen hat.

„Compliance ist das Thema meines Lebens“, sagt Peter Förschler und redet sich in Rage, wechselt von piano auf fortissimo. Es geht um Kartelle, um Korruption und um Uli Hoeneß. Um Fälle, in denen die Compliance unterging. Oft ist Vorsatz dabei, manchmal schaden die Angestellten ihrer Firma aber aus Unkenntnis. Da plaudert einer irgendwo auf der Messe ein wenig mit der Konkurrenz und flugs ist eine Kartellabsprache entstanden, welche im Falle einer Abmahnung nicht nur ordentlich Strafe kosten, sondern letztlich auch Arbeitsplätze gefährden kann. „Ein funktionierendes Compliance Management System verhindert solche Katastrophen und minimiert die Risiken für eine Organisation“, sagt Peter Förschler, der in diesem noch relativ jungen Fach forscht und lehrt.

Wie lassen sich die Werte und Regeln eines Unternehmens in konkrete Handlungsanweisungen übersetzen? Manchmal dürfen seine Studenten im Seminar spielen. „Sie sind Geschäftsführer und die Revision teilt Ihnen mit, dass eine Führungskraft auf Firmenkosten privat tankt. Wie reagieren Sie?“ steht auf einer Karte des Corporate-Compliance-Spiels. Die Studenten treten in Gruppen gegeneinander an und merken in der Diskussion schnell, welch weites Feld sie hier betreten. Mit Normen, Regeln und Gesetzen kennt sich der 50-jährige Förschler aus. Seit 2001 unterrichtet er als Professor an der betriebswirtschaftlichen Fakultät in Nürtingen. Davor hat er Recht nicht nur gelehrt, sondern gesprochen. Als Richter am Landgericht in Stuttgart hat er acht Jahre lang Wirtschaftsprozesse geführt. Ein Knochenjob. 250 Fälle, die parallel zu bearbeiten sind, Urteile, die teilweise hunderte von Seiten umfassten. „Die Fälle sind mir alle nahe gegangen, ich habe jedes Urteil mit innerer Beteiligung gefällt“, sagt Förschler über seine Zeit am Landgericht. Was er macht, das macht er richtig. „Damals habe ich über Fehlentwicklungen geurteilt. Jetzt habe ich durch die Beschäftigung mit Corporate Compliance ein System entdeckt, das verhindert, dass Unternehmen überhaupt erst illegal handeln.“ Ein neues Kernthema für den Richter und den Wissenschaftler.

Sein Studienfach musste sich Förschler nicht lange überlegen. Bereits sein Vater war ein hochrangiger Jurist, Senatspräsident am Oberlandesgericht in Stuttgart. „Bei uns daheim wurden die Fälle diskutiert. Ich fand das immer spannend“, erinnert sich Peter Förschler. Noch als Jurastudent wird er Mitglied beim legendären Stuttgarter Juristenkabarett und bleibt fast zehn Jahre lang dabei. Er hat Talent zur Komik, zur Zuspitzung, zum Flirt mit dem Publikum – und er ist ein großer Musikliebhaber. Schon als Schüler nimmt er Gesangsunterricht. Sein damaliger Lehrer wird später zu seinem Klavierbegleiter auf der Bühne. Als Student macht Förschler ein Praktikum in der Rechtsabteilung des Süddeutschen Rundfunks. Und nutzt die Chance, dabei vier Tage lang dem Entertainer und Kabarettisten Robert Kreis zuzuhören, der für eine Fernsehaufzeichnung Lieder der Vorkriegszeit spielt.

Seitdem ist Förschler Fan. Von Robert Kreis, von der Dachbodenatmosphäre, welche die Chansons und Couplets der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts umgeben, von den heiter-frechen Texten und den Kostümen. Er wird zum Sammler und Sänger. Meterweise reihen sich heute in seinem Zuhause in Esslingen die Schellackplatten, Noten, Bücher, Hutschachteln und Plakate. Den ersten Solo-Auftritt hat Peter Förschler mit 24 beim Ball seines Tennisvereins. Von da an ist er Dauergast auf den unterschiedlichsten Kleinkunstbühnen. Er schlüpft n Frack und Federboa und lässt als Interpret den Geist der wilden Zwanziger wieder auferstehen. In seinen besten Zeiten in den 90er Jahren steht er mit seinem „Nostalgischen Cabaret“ an 50 Abenden im Jahr vor Publikum. Er präsentiert seine Revuen im Stuttgarter Renitenztheater, er spielt an der Ostsee und auf Kreuzfahrtschiffen, in Luxemburg, in der Schweiz und in Italien.

Förschler macht das nebenbei. Unter der Woche ist er anfangs Staatsanwalt, später Amtsrichter, anschließend Richter am Landgericht, bis er schließlich Professor wird. 2013 feiert Förschler sein 25-jähriges Bühnenjubiläum. „Es waren reiche Jahre. Sie haben mich zu einem offeneren Menschen gemacht, ich habe durch das Publikum viel über den Umgang mit Menschen gelernt“, sagt er dazu. Mittlerweile sind seine Auftritte seltener geworden. Er könnte sich auch vorstellen, ganz aufzuhören: „Auch meine Kräfte sind endlich.“ Aber es gibt eben immer wieder Anfragen und „Nein“ sagen kann er nur ganz schlecht.

„Erfolglos, dass wollte ich nie sein“, so Förschler über Förschler. Was für den Künstler gilt, gilt ebenso für den Juristen und den Dozenten. Schon vor der Berufung nach Nürtingen hat der temperamentvolle schwäbische Schaffer an verschiedenen Einrichtungen Handels-, Immobilien- und Gesellschaftsrecht unterrichtet sowie an Hochschulen über Wirtschaftsrecht doziert. Seit Februar ist der promovierte Jurist Förschler Honorarprofessor an der Uni Hohenheim und freut sich, jetzt auch Doktoranden betreuen zu können. Er ist Autor von vier Lehrbüchern und zig Fachaufsätzen. Und als Hochschullehrer ausgezeichnet ist er freilich auch.

Ausgezeichnet wurde er mit dem Bildungspreis der Kreissparkasse, weil er die Lehre in Nürtingen verändert hat. Die Rechtsthemen werden dank Förschlers Initiative nicht mehr länger isoliert unterrichtet, sondern sind jetzt verknüpft mit den entsprechenden Inhalten des BWL-Studiums. Gewürdigt wird er aber auch durch das Feedback seiner Studenten, die ihm in der Evaluation regelmäßig beste Noten geben. „Als Retter des Montags“ wird er im Internet gelobt, weil seine Vorlesungen so eingängig und unterhaltend sind. Wenn Förschler über Wirtschaftsrecht spricht, wird der Hörsaal manchmal zum Theater. Mit einem Dozenten, der in verschiedene Rollen schlüpft und dabei Dialekte so souverän einsetzt wie andere ihre Power-Point-Folien.

So heiter der Unterricht mitunter sein mag und so beliebt er als Hochschullehrer auch ist: leicht macht es Förschler seinen Studenten nicht. Er fordert viel, verlangt die ganze Aufmerksamkeit und kann auch richterlich-streng werden. „Ich mache auch keine Laubsägearbeiten, wenn Sie ein Referat halten“, belehrte er einen Studenten, der im Seminar gelangweilt über sein Smartphone wischte. Des Professors Ansprüche sind hoch. An sich genauso wie an andere. „Ich habe ein Sendungsbewusstsein und den Anspruch, mein Feuer auf die Studenten zu übertragen“, sagt Peter Förschler. Seine Entertainerqualitäten sind dabei gewiss nicht von Nachteil.