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Lektionen für China

Sie hat für Daimler gearbeitet und dabei gelernt, dass in China ohne „Guanxi“ nichts geht. Heute vermittelt Brigitte Ott-Göbel chinesischen Studenten, was Führungsqualitäten sind.

Auf dem Campus der Shanxi University of Finance and Economics klebt die Luft. 130 chinesische Studenten schwitzen über den feinen Verästelungen im deutschen Arbeitsrecht. Was ist eine betriebsbedingte Kündigung und wofür ist ein Betriebsrat da – eine fremde Materie in einem Land, in dem unabhängige Gewerkschaften alles andere als die Regel sind. Brigitte Ott-Göbel ist sich bewusst, dass ihr Stoff schwierig ist. Noch dazu, weil sie ihre Vorlesung auf deutsch hält.

Die Studierenden sind jung, 20, 21 Jahre alt. Ihre Unistadt heißt Taiyuan und ist eine der vielen chinesischen Millionenstädte, deren Namen im Westen kaum einer kennt und in denen Europäer noch immer Exotenstatus haben. Wenn alles gut geht, erhalten die Studenten nach sechs Semestern einen deutsch-chinesischen Doppelabschluss als Bachelor of Business Administration. Ihre Dozentin Brigitte Ott-Göbel ist 52, hat ein Vierteljahrhundert im Daimlerkonzern gearbeitet, das Händlernetz in China betreut und dabei das Land der Mitte kennen und lieben gelernt.

„Ich hatte eine Kollegin, die studierte Sinologin war. Ihre Begeisterung hat sich auf mich übertragen“, sagt Brigitte Ott-Göbel über die Anfänge ihres China-Faibles. Halbe Sachen gibt es bei ihr nicht. Also hat sie zwei Jahre lang chinesisch gelernt. Von 1990 bis zu ihrem Ausstieg im Konzern 2008 war sie mehrmals jährlich in Shanghai und Peking unterwegs. „Guanxi“ heißt das Zauberwort, ohne das in China kein Geschäft funktioniert. Mit Kontaktpflege ist dieses Bindemittel der Gesellschaft nur unzureichend übersetzt. „Langfristige Beziehungen spielen in China eine große Rolle. Erst werden wir Freunde, dann kommen wir ins Geschäft, so habe ich es von meinen chinesischen Partnern gelernt“, sagt Brigitte Ott-Göbel.

Als bekennende Netzwerkerin kommt sie mit der chinesischen Beziehungspflege gut zurecht. „Wir Schwaben sind auch nicht gleich mit jedem per Du“, sagt die gebürtige Oberschwäbin, die seit langem in Stuttgart lebt. Nach wie vor ist sie fasziniert von der ungeheuren Dynamik, mit der sich die chinesische Wirtschaft entwickelt. Davon, dass die einzige verlässliche Konstante der Wandel ist, die Städte im Zeitraffer ihr Gesicht verändern und die Gesellschaft sich in einer permanenten Aufholjagd befindet.

Brigitte Ott-Göbel wächst in Ravensburg auf, ihr Vater ist technischer Leiter einer Mercedes- Niederlassung. „Ich war schon als Kind autoaffin. Und ich wusste früh, dass ich einmal Chefin werden will. Genau wie mein Vater. Er war mein Vorbild“, erzählt sie. In Stuttgart hat Ott-Göbel Betriebswirtschaft an der Dualen Hochschule studiert. Danach ist sie zu Daimler gegangen und hat nicht nur ihre eigene Karriere im Vertrieb vorangetrieben, sondern auch ein Frauennetzwerk aus der Taufe gehoben. „Andere Unternehmen waren da schon weiter, wir waren 1995 bei Daimler Trendsetterinnen“, sagt sie. Sie hat sich dabei als Mitarbeiterin exponiert und für Bewunderung und Irritationen gleichermaßen gesorgt. „Wenn man sich für mehr weibliche Führungskräfte einsetzt, schafft das nicht nur Freunde“, sagt sie über diese Zeit. „Aber ich würde es genauso wieder machen und bin froh, dass ich vielen Frauen Impulse geben konnte. Das bleibt.“

2008 ist sie bei Daimler ausgeschieden und hat sich selbstständig gemacht. Der Schritt war lange überlegt und gut vorbereitet. „Ich hatte das Gefühl, an der gläsernen Decke angestoßen zu sein, wo es nicht mehr weiter geht. Bis zur Rente wollte ich nicht im Konzern bleiben“, sagt sie. Als Beraterin, Coach für Führungskräfte und Dozentin arbeitet sie heute selbstbestimmt und ist damit sehr zufrieden. „Seit ich selbständig bin, habe ich mich noch nie urlaubsreif gefühlt“, beschreibt sie ihre Balance von Arbeiten und Leben.

Brigitte Ott-Göbel hält selbst gerne die Fäden in der Hand und spinnt sie weiter. Ihr Engagement für mehr Frauenpower im Konzern hat sie auch mehrere Jahre in den Vorstand des Netzwerks „European Women‘s Management Development“ geführt. Heute organisiert sie jährlich an der FOM, der berufsbegleitenden privaten Hochschule für Ökonomie und Management, das Frauenforum, lädt dazu Referentinnen aus Theorie und Praxis ein und freut sich über den regen Zulauf der Studentinnen. Als Dozentin bringt sie den Wirtschaftsstudenten an der FOM bei, was Führungsqualitäten sind und dass dabei auch soziale Kompetenzen wichtig sind. Die Unterrichtssprache ist Englisch, Leadership Qualifications und Soft Skills stehen auf dem Lehrplan.

Als Ott-Göbel erfährt, dass die Hochschule auch chinesische Partneruniversitäten hat, weiß sie sofort, dass sie dort hin will. Als Dozentin auf Zeit. Was sich die Beraterin Ott-Göbel vornimmt, setzt sie auch um, zielstrebig und planvoll. Im Frühjahr hat sie das erste Mal in Taiyuan unterrichtet.

Leben – das ist für Brigitte Ott-Göbel auch mit ehrenamtlichem Engagement verbunden. Gesellschaftlich und politisch. Sie ist Bezirksbeirätin der CDU im Stuttgarter Stadtteil Sillenbuch. „Ich bin kein Mitläufertyp. Wenn ich mich engagiere, dann richtig“, sagt sie über sich. Die Beraterin ist nicht immer eins mit ihrer Partei. Aber sie ist froh darüber, dass gerade eine Generation heranwächst, für die es selbstverständlich ist, von einer Bundeskanzlerin regiert zu werden. Brigitte Ott-Göbel und ihr Mann haben keine Kinder. Vor fünf Jahren hat das Ehepaar eine Stiftung gegründet mit dem Ziel, die Bildung von Kindern und Jugendlichen zu fördern. Eine Herzenssache. Die Ott-Goebel-Jugend-Stiftung gibt beispielsweise Geld für ein Schülercafé in Sillenbuch oder für projektbezogene Arbeit im Jugendhaus vor Ort. Das generationenübergreifende Medienpartner- Projekt der Stiftung – Senioren und Jugendliche im Dialog – hat schon mehrere Preise gewonnen.

Effizienz und Controlling sind dem Ehepaar mit Managersozialisation auch beim Stiften wichtig. „Am Anfang haben sich die Sozialpädagogen, mit denen wir zusammenarbeiten, schon gewundert. Aber wir haben von ihnen gelernt und sie von uns“, sagt Brigitte Ott-Göbel. Bereichernd sei diese Arbeit: „Man bekommt so viel zurück.“ Volker Göbel, auch er war Führungskraft bei Daimler, ist für die Verwaltung zuständig. Sie ist das Gesicht der Stiftung und gibt Interviews für die Zeitung oder fürs Fernsehen. „Ich habe ein gutes Verhältnis zu den Medien“, sagt sie. Was bestimmt auch daran liegt, dass ihre Schwester Ursula Ott Journalistin ist. Politisch sind die beiden nicht immer einer Meinung. Der engen Bindung tut dies keinen Abbruch.

Es war eine genauso anstrengende wie anregende Zeit, sagt Brigtte Ott-Göbel über die vier Wochen als Dozentin in China. An der FOM in Stuttgart sitzen 15 Studenten in einer Veranstaltung, in Taiyuan waren es 130 am Vormittag und noch einmal 130 am Nachmittag. Frontalunterricht, acht Stunden am Tag. Morgens joggen auf dem Campus, abends Yoga („Omm heißt auch auf chinesisch omm“), Besprechungen mit den Tutoren, Ausflüge am Wochenende. In einem Blog hat sie ihre Uni-Eindrücke festgehalten – etwa die Hitze im Hörsaal – und alltägliche Beobachtungen aus dem Land der krassen Gegensätze notiert. Es gibt Einträge über Geschäfte mit Luxuskinderkleidung, über die Armut der Wanderarbeiter, Wohnungen ohne Toilette und händchenhaltende Paare. Einer der Beiträge beschäftigt sich mit einem stattlichen Stapel von 260 Klausuren, die noch zu korrigieren sind.

Dass die Durchfallquote nur bei 10 Prozent lag, darauf ist Brigitte Ott-Göbel ein bisschen stolz. „Sie müssen Ihre Fragen während der Veranstaltung stellen, nicht danach“, hat sie ihren Studenten am Anfang gesagt. Wohl wissend, dass sich viele nicht trauen, vor Publikum zu sprechen und doch genau das üben sollen. Und sie hat ihnen angeboten, ein Thema selbst zu präsentieren. Eine große Herausforderung für die jungen Chinesen, die zwar gut lernen können, aber selten Eigeninitiative zeigen. Auch das gehört zu den Soft Skills, über die Brigitte Ott-Göbel redet, die sie vorlebt und einfordert. „Die Präsentationen waren die Sternstunden der Vorlesung“, sagt sie. Und freut sich schon auf die chinesischen Lektionen im nächsten Jahr.