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Der geerdete Flughafenchef

Früher studierte er an der Uni Hohenheim, heute doziert er an der Uni Stuttgart: Georg Fundel, Chef des Stuttgarter Flughafens, ist ein gefragter Fachmann für internationalen Luftverkehr.

Der Bart ist ab. Er hat ihn lange getragen. Über Jahrzehnte ist der verzwirbelte Schnauzer sein Markenzeichen gewesen. Mit Ende 50 hat er sich entschlossen, die Vergangenheit zu rasieren. Einer wie er fühlt sich nie zu alt für das Neue. Es ist früher Morgen am Tor zur Welt. Auf der Autobahn pulsiert Verkehr wie eh und je hin und her. Georg Fundel sitzt an seinem Schreibtisch. Hinter ihm hängt ein Luftbild in schwarz-weiß. Es zeigt den Flughafen, wie er einmal war. Draußen vor seinem Bürofenster heben die Maschinen der Gegenwart ab. Als er 1996 als Geschäftsführer anfing, waren es halb so viele. Der Airport in Echterdingen schrieb damals tiefrote Zahlen. Heute fährt er 30 Millionen Euro Jahresgewinn ein.

Der Hausherr hängt sein Jackett an die Garderobe. Sein Blick schweift für einen Moment hinaus in die Welt des Flugverkehrs, die er wie kaum ein anderer zu erklären vermag. Fundel kramt ein leeres Blatt aus der Schublade und pinselt darauf ein Dreieck. An den Ecken vermerkt er in dicken Lettern die Namen der Konkurrenz: München. Zürich. Frankfurt. In die Mitte malt er einen kleinen Punkt, auf den er mit seinem Stift tippt. „Das ist Stuttgart.“

So einfach erklärt man komplizierte Sachverhalte, wenn man Georg Fundel heißt und angetrieben wird von dem Gedanken, das Stillstand unweigerlich Sinkflug bedeutet. „Wer aufhört besser zu werden, hat aufgehört gut zu sein.“ Andere sagen sich das im Stillen, er spricht es aus. Immer wieder verleiht Fundel dem Expansionsdrang des Airports verbal Flügel, auf dass Stuttgart in der Liga der großen Flughäfen weiter mitspielt. Auch für Stuttgart 21 ergreift er Partei, weil davon nicht nur das Land, sondern über den Flughafenbahnhof unmittelbar auch das Landesunternehmen selbst profitiert, dessen Entwicklung er beharrlich voran treibt, was ihm mitunter Ärger von Politikern einträgt, die lieber mit dem Strom schwimmen als dagegen.

Es gibt nur noch wenige Piranhas im Goldfischteich der Stuttgarter Politik. Das war früher anders. Damals gab es Typen wie Manfred Rommel, der Fundel geprägt hat. Nur einer hat ihn wohl noch stärker geprägt: Vater Tiberius, ein Müllermeister und langjähriger Landtagsabgeordneter mit scharfer Zunge, im Volksmund auch König vom Lautertal genannt. Legendär ist der Satz des kantigen Älblers Tiberius Fundel, gerichtet an seinen Freund, den Ministerpräsidenten Gebhard Müller: „Gebhard, je öfter dein Kopf in der Zeitung ist, desto öfter putzen die Leut’ ihren Hintern mit dir ab.“

Dass eines Tages auch der eigene Sohn häufiger in der Zeitung stehen würde, konnte der Patron damals nicht ahnen. Er hat es nicht mehr miterlebt. Hinterlassen hat er manchen Rat und mindestens einer davon wirkt bis heute nach. „Behalte deinen gesunden Menschenverstand!“ Bevor man ihn behalten kann, muss man ihn freilich erst erwerben. Georg Fundel, 1954 in Münsingen geboren, wuchs mit vielen Freiheiten ausgestattet glücklich auf dem Lande auf, wo er fürs Leben ebenso lernte wie später auf dem Kolleg der Schulbrüder von Illertissen, gehörig zum katholischen Männerorden des Heiligen Johannes von La Salle. Die Geistlichen versuchten vergeblich, den jungen Fundel für eine Karriere als Priester zu gewinnen, machten aus ihm aber einen passablen Abiturienten, dem am Ende ein paar Zehntel fürs Medizinstudium fehlten. So landete er nicht bei den Doktoren in Heidelberg, sondern bei den Wirtschaftswissenschaftlern in Hohenheim, was sich im Rückblick betrachtet als Glücksfall erwies. Fundel tauchte an der Uni in die Welt der Zahlen ein und lernte Probleme zu strukturieren, was sich in der Folge bei Turbulenzen jedweder Art als nützlich entpuppte.

Auf dem Campus in Hohenheim war er während seiner Studienzeit anfangs oft nur an zwei Tagen pro Woche, was mit der Familienplanung zu tun hatte, die bei ihm recht früh einsetzte. „Das Studium hat mir sehr viel Spaß gemacht“, sagt er und grinst. Bereits im vierten Semester wurde er Vater. Das zweite Kind kam im siebten Semester. Die Gattin sorgte für den Lebensunterhalt, er brachte Studium und Familie unter einen Hut. Irgendwann trafen die Fundels einen folgenschweren Entschluss: Spätestens in der schriftlichen Schulanmeldung des ersten Kindes sollte unter „Beruf des Vaters“ nicht mehr „Student“ stehen. Also beeilte er sich und machte zügig seinen Abschluss.

Eigentlich zog es ihn damals in die Entwicklungshilfe, wo ein Freund gelandet war. Nach seiner Diplomarbeit, die sich mit dem millionenschweren Scheitern eines Entwicklungshilfeprojekts in Tunesien befasste, führte sein Weg nicht in die afrikanische Wüste, sondern in eine schwäbische Oase der Bürokratie. Im Stuttgarter Rathaus heuerte Fundel 1982 an. Manfred Rommel machte ihn dort zum Wirtschaftsförderer und düngte ihn nebenbei mit der Gewissheit, dass Provinz keine Landschaft ist, sondern ein Zustand, der sich verändern lässt. Im neuen Amt war Fundel unter anderem zuständig für die Ansiedlung der Daimler-Zentrale in Möhringen. Dabei stieß er auf zwei betagte Damen, die ihre Parzellen partout nicht verkaufen wollten. Er besuchte sie zu Hause. „Mir brauchet des Geld net“, beschieden ihm die sperrigen Stuttgarterinnen. Plötzlich setzte sich ihr scheuer Kater auf Fundels Schoß. Die Damen sahen sich verwundert an – und zückten dann doch noch ihren Stift für die Unterschrift.

Es heißt, im Leben müsse man manchmal Türen aufstoßen, um weiter zu kommen. Nach sieben Jahren bei der Stadt zog es ihn 1989 zur Landesgirokasse, die heute Landesbank Baden-Württemberg heißt. Er leitete den Bereich Bauen und Liegenschaften und sprach fortan für das Kreditinstitut, dem er sieben Jahre diente. Dabei kam ihm seine Zeit in Hohenheim durchaus zupass. „Ich habe sehr mathematisch studiert. Davon profitiere ich bis heute.“

Im August 1996 folgte Fundel dem Ruf als Geschäftsführer der Flughafen Stuttgart GmbH. Als er anfing, wurde der Airport von der Aura einer schwerfälligen Behörde umweht. Fundel verwandelte den defizitären Betrieb in ein wirtschaftliches Landesunternehmen. Sein Wachstumskurs gefiel nicht allen. Mehr Flugzeuge heißt mehr Lärm. Besonders übel genommen haben sie ihm droben auf den Fildern, dass er 2008, als der Airport kräftig brummte, eine zweite Startbahn ins Gespräch brachte, wo man gerade noch dabei war, die Ansiedlung der neuen Messehallen zu verdauen. Die Geschichte funkte dazwischen, vielleicht auch die Vernunft. Jedenfalls ging’s plötzlich abwärts mit den Passagierzahlen und das Thema wurde beerdigt. „Im Moment sind Überkapazitäten im Markt“, schlägt Fundel die Brücke zur Gegenwart. „In den nächsten drei Jahren erwarten wir ein verhaltenes Wachstum.“

Die Kunst liegt darin, auch unter diesen Bedingungen Geld zu verdienen. Das schafft der Stuttgarter Flughafen unter Georg Fundel, der nicht von ungefähr international als Berater großer Airports gefragt ist und auch als Honorarprofessor am Institut für Eisenbahn- und Verkehrswesen der Uni Stuttgart arbeitet. Seit 1999 hat er dort einen Lehrauftrag. Freitags doziert er im Sommersemester vor angehenden Luft- und Raumfahrtingenieuren, Architekten oder Betriebswirten über Flughafenplanung und Flughafenmanagement. „Das weitet den Horizont“, sagt er. „Wie ein Jäger nehme ich alles, was ich finden kann als Trophäe und baue es in meine Vorlesungen ein. So bleibt man vorne dran.“

Vorne dran möchte er auch mit seinem Flughafen sein, der umzingelt ist von Freunden, die gute Geschäfte machen wollen und deshalb nicht schlafen. Von Frankfurt aus werden demnächst 270 Ziele angeflogen, von Zürich 180, von München 250. Von Stuttgart sind es 100. „Wenn wir jetzt nicht nach vorne gehen, dann verkümmern wir“, sagt der Manager.

Er könnte noch stundenlang weiter über das Geschäft mit den Flugzeugen und Passagieren reden, allein es fehlt die Zeit. Der dreifache Vater ist viel beschäftigt. In vier Aufsichtsräten ist er vertreten, nebenbei noch Vorsitzender des Fördervereins der Wilhelma und Vorstand einer wohltätigen Stiftung. Neuerdings hat er auch noch einen Enkel. Wenn er mit ihm unterwegs ist, halten ihn manche für den Vater. Opas sehen anders aus. Stark und voller Energie ist sein Gesicht, das zu einem sportlichen Körper gehört. Der Mann ohne Bart hält sich fit, was darauf schließen lässt, dass er noch einiges vor hat. Sein Vertrag läuft bis 2016. Er gedenkt ihn auf seine Art zu erfüllen und entschieden für den Aufschwung seines Airports zu kämpfen, der kein Flughäfele werden soll. Georg Fundel tippt noch einmal auf den kleinen Punkt im großen Dreieck zwischen München, Zürich und Frankfurt. Draußen bohrt sich eine Maschine in den grauen Himmel über Stuttgart.