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Ansichten einer Steuerfrau

Nadine Riedel, Professorin für Finanzwissenschaft an der Uni Hohenheim, analysiert die Praxis multinationaler Unternehmen, die aus Steuergründen ihre Gewinne ins Ausland verschieben.

Die Unkenntnis der Steuergesetze befreit nicht von der Pflicht zum Steuerzahlen, erkannte einst der berühmte Kaufmann und Bankier Mayer Amschel Rothschild, „die Kenntnis aber häufig.“ Gut zweihundert Jahre später gilt das Wort des deutschen Bankengründers mehr denn je. Längst ist das Wissen um besagte Kenntnis zu einer Wissenschaft für sich geworden, längst wird die gesamte Weltwirtschaft von den „legalen Tricksereien“ beeinflusst, wie Nadine Riedel die Praxis so mancher Unternehmen nennt, einladende Steuerhäfen im Ausland anzulaufen.

Die 34-jährige Professorin sitzt an diesem Vormittag im Schlosspark der Universität Hohenheim auf einer Bank und wärmt sich an den letzten Sonnenstrahlen des Spätsommers. Selten genug kommt sie dazu, durch den prachtvollen Botanischen Garten mit seinen Mammutbäumen, Magnolien und Ginkos zu spazieren, die das spätbarocke Hohenheimer Schloss umgeben, welches der württembergische Herzog Carl Eugen einst errichten ließ. Die Finanzwissenschaftlerin mit eigenem Lehrstuhl bevorzugt trotz ihrer Liebe zur grünen Natur das Grau ihres Büros in einem der Seitenflügel des Schlosses. Sie braucht ihre Zeit für ihr Forschungssteckenpferd, wie sie es nennt, der Beschäftigung mit jenen lukrativen Steuerschlupflöchern, die vorzugsweise von multinationalen Unternehmen genutzt werden, um am Fiskus vorbei ihre Gewinne zu mehren. „Es geht dabei um Milliarden“, weiß die gefragte Finanzexpertin.

In die Wiege gelegt wurde der jungen Professorin ihre Profession nicht gerade. Im Osten Berlins als so genanntes Wendekind aufgewachsen, war Nadine Riedel damals denkbar weit weg von den internationalen Finanzmärkten der großen weiten Welt. In Reichweite war immerhin die ungarische Botschaft, auf deren Gelände die damals Zehnjährige mit ihren Eltern und dem jüngeren Bruder vier Wochen lang campierte, ehe die Familie von dort aus noch vor dem Mauerfall nach Bayern ausreisen konnte. In der Wagnerstadt Bayreuth machte sie ihr Abitur, anschließend studierte sie an der Universität Regensburg VWL und Germanistik, weil sie eigentlich Journalistin werden wollte, wie sie sagt. Bei einem Praktikum bei der Financial Times habe sie dann aber schnell gemerkt, dass sie eher der akademische Typ ist. Die tägliche Schreiberei sei ihr zu schnell gegangen. „Die detaillierte Auseinandersetzung mit den Dingen liegt mir mehr“, sagt Nadine Riedel, die sich stattdessen lieber in die Frage vertiefte, in welchen Fällen der Staat in die Ökonomie der Märkte eingreifen sollte – und wann besser nicht.

Schon in ihrer Promotion an der traditionsreichen Ludwig-Maximilians-Universität in München hat sich Nadine Riedel dabei intensiv mit der Problematik auseinandergesetzt, die großen Konzerne auf dem Erdball in angemessener Weise zu besteuern. Bei der späteren Auswertung riesiger Datenbanken stellte sie vor allem eines fest: Die Steuersparmethode hat System. Viele der großen Konzerne nutzen dabei ihre internationalen Netzwerke und Strukturen, um ihre Gewinne in Niedriglohnländer zu verschieben, erklärt Nadine Riedel. So leiste sich beispielsweise der US-amerikanische Computerriese Microsoft mit Hauptsitz in Kalifornien Tochtergesellschaften in den Steueroasen Irland, Puerto Rico und Singapur, die die gewinnbringenden Lizenzen und Patente des Unternehmens halten. Die millionenschweren und weltweiten Gewinne werden dadurch offiziell in diesen Niedrigsteuertöchtern generiert und lediglich dort besteuert, der amerikanische Fiskus und andere Länder gehen dagegen vergleichsweise leer aus. Nach dem gleichen Prinzip würden auch Apple, Amazon oder Google Tochtergesellschaften im Ausland betrieben. Und auch der schwedische Möbelkonzern Ikea oder der Kaffeebohnenröster Starbucks zahlten in der Bundesrepublik Deutschland trotz der Vielzahl an Filialen und enormer Gewinne wie viele andere Konzerne auch nur ein Minimum an Steuern – mitunter weniger als ein Prozent, so die Professorin.

Ein Gesellschaftsspiel mit gewaltigen Ausmaßen. Alleine in Baden-Württemberg entgehen dem Landesetat nach vagen Schätzungen jährlich Steuereinnahmen in Höhe von einer Milliarde Euro, wogegen nicht nur der Finanzminister Nils Schmid nun resolut vorgehen will, wie der SPD-Politiker erst jüngst angekündigt hat. Rückendeckung hat er dabei von den versammelten EU-Finanzministern, die dem lukrativen Verschieben von Gewinnen ebenfalls einen Riegel vorschieben wollen, bevor „am Ende das ganze offene Weltwirtschaftssystem zerstört werden könnte“, wie Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble befürchtet. Gleichzeitig arbeiten aktuell auch die G20-Staaten an einem ausgeklügelten Aktionsplan gegen die Tricksereien international aufgestellter Konzerne. Unter anderem sollen Steueroasen nach einheitlichen Kriterien identifiziert und auf schwarze Listen gesetzt werden. Dazu wollen die Politiker die Unternehmen zur Transparenz zwingen und sie per Gesetz dazu verpflichten, Land für Land auszuweisen, wie hoch ihre Einnahmen sind und wie viele Steuern sie letztlich gezahlt haben.

Ob das Anlegen solchen „Daumenschrauben“ allerdings sinnhaft ist und tatsächlich den gewünschten Erfolg bringt, wird auch am Lehrstuhl von Nadine Riedel an der Uni Hohenheim in allen Facetten diskutiert. Nicht selten bekommt die Professorin Anrufe von Politikern aller Couleur, jüngst etwa aus Reihen des Bundesfinanzministeriums, die für die Beantwortung parlamentarischer Anfragen oder zur Ausarbeitung von Gesetzesvorlagen wissenschaftliche Beratung brauchen. Dass sich die großen Unternehmen kaum an der Staatssteuer beteiligen, werde von den Bürgern als sehr ungerecht empfunden, weiß die Finanzexpertin. Mit Gesetzen dagegenzusteuern, sei aber nicht so einfach, erklärt sie, weil ein hoher Druck auf der Unternehmenssteuer liege. Diese sei in Deutschland in der Vergangenheit schon mehrfach gesenkt worden, um weitere Abflüsse ins Ausland zu verhindern. Im Blick hat die Finanzwissenschaftlerin aus Hohenheim dabei vor allem auch die Realinvestitionen der Unternehmen, von denen wiederum der Wirtschaftsstandort Deutschland profitiert. Ihre zentrale Frage lautet daher: Schadet es mehr als es nutzt, Gewinnverschiffung in Steuerhäfen zu unterbinden, da Unternehmen ohne diese Möglichkeit ihre realen Aktivitäten und damit Arbeitsplätze aus Deutschland abziehen?

In den vergangenen Jahren hat Nadine Riedel etliche Publikationen in Fachzeitschriften zu diesem speziellen Thema veröffentlicht, unter anderem im renommierten Journal of Public Economics, das weltweit verbreitet wird – wofür sie wesentlich mehr Zeit hat und braucht als einst bei der Financial Times. Vier bis fünf Jahre beschäftigt sie sich von der Idee bis zur Veröffentlichung mitunter mit einem Beitrag, der dann auch von entsprechender Qualität und Aussagekraft ist.

Früher ist die Steuerfrau gerne mit dem Rucksack durch die Welt gereist, seit ein paar Monaten ist Sohnemann Jonathan ihr derzeit einziges „Hobby“, wie sie sagt. Nordsee statt Nepal steht daher auf dem Urlaubsplaner, beschaulicher Familientrip statt exotischer Expedition. An ihre Zeit im alt ehrwürdigen Oxford, angeregt von ihrem damaligen Professor, hat die gebürtige Ostberlinerin ausschließlich „tolle Erinnerungen“. Zwei Jahre lang hat sie dort direkt nach ihrer Promotion nach Steuerschlupflöchern geforscht. Das akademische Umfeld sei sehr inspirierend gewesen, sagt sie. „Spielerisch und humorvoll, aber auf höchstem Niveau.“ Seit Oktober 2010 hat Nadine Riedel nun selber eine Professur am Lehrstuhl für Finanzwissenschaft in Hohenheim, wobei sie in der einen Studentenstadt forscht und doziert, und in einer anderen wohnt, im 30 Kilometer entfernten Tübingen.

Die viel beschäftige Professorin hat sich Zeit genommen an diesem sonnigen Spätsommervormittag, um über die wirtschaftlichen Aspekte öffentlicher Haushalte, der staatlichen Ausgestaltung von Steuersystemen und der ökonomisch effektivsten Verwendung von Ressourcen einer Volkswissenschaft zu philosophieren. Für die Mammutbäume, Magnolien und Ginkgos ist wieder einmal kaum Zeit geblieben. „Kapital und Profite sind sehr mobile Größen, die leicht verschoben werden können“, sagt sie zum Abschied - weshalb mit Bedacht und Verstand vorgegangen werden müsse gegen die Flucht in Steueroasen, damit der Schuss nicht nach hinten losgeht. Oder, um es mit dem chinesischen Philosophen Konfuzius zu sagen: „Steuern zu erheben heißt, die Gans so zu rupfen, dass man die Federn bekommt, ohne gebissen zu werden.“