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Am Rad der Geschichte

Man kann die Welt aus mancherlei Perspektive betrachten. Willi Diez tut es bevorzugt durch die Windschutzscheibe. Als Professor für Automobilwirtschaft lehrt er mit Leidenschaft in Geislingen.

Am Anfang ist die Rolltreppe. Willi Diez lässt sich von ihr tragen. Rolltreppen gibt es seit 120 Jahren. 1893 wagten sich die ersten Fußgänger in einer New Yorker Bahnstation auf ein schräges Förderband mit Holzplanken. Damals wie heute mobilisiert die Rolltreppe den vorwärts strebenden Menschen, der nichts mehr fürchtet als Stillstand.

Als er oben ist, wirkt Diez für einen Moment wie einer, der die Mühen der Ebene hinter sich hat. Er ist dort, wo jedes Kind hin will, das für Autos schwärmt und beim Spiel mit den Quartett-Karten auf die PSstarken Joker hofft, die immer stechen. Der Professor schlendert durch einen Raum, der geheizt ist mit schwäbischer Erfolgsgeschichte. Ein Platz, an dem sich einer wie er wohl fühlt. „Das Auto“, sagt Willi Diez im Stuttgarter Porsche-Museum, „hat für mich bis heute eine gewaltige Faszination.“

Wann dieses Gefühl das erste Mal aufkam, kann er nicht genau sagen. Es hat sich als Bub in seinem Unterbewusstsein eingenistet. Diez ist Jahrgang 1953. Er wuchs in Aichtal am Rande des Schönbuchs auf, wo es zu seiner Zeit einen wenig erbaulichen Busverkehr und einen umso mehr prickelnden Porsche gab, der knallrot war und beim Nachbarn stand. „Ich habe mir die Nase am Fenster plattgedrückt“, sagt er. „Das war mein absolutes Traumauto.“

Es gehörte damals zur Düngung der Heranwachsenden, dass ein Automobil mehr ist als ein Vehikel, das von A nach B fährt. An car-sharing dachte noch keiner, wichtiger war car-having. Diez sehnte den Tag herbei, an dem er den Führerschein machen konnte und bastelte sich im Geist wie fast alle Halbwüchsigen seines Alters eine Edelkarosse zusammen, außen glänzender Lack, innen feinstes Leder. Als es endlich so weit war, stand allerdings kein teurer Porsche vor der Türe, sondern ein alter grüner Käfer, der zwar in die Jahre gekommen, aber wenigstens mit Faltdach versehen war, was den kleinen Nachteil hatte, dass es sowohl von oben als auch von unten hineinregnete. Der Handwerkersohn bastelte an seinem antiken Blechle herum, dass es eine Wonne war. Irgendwann in dieser Zeit muss diese besondere Liebe zum Auto entstanden sein, die man nicht erklären kann, nur rekonstruieren.

Nach dem Abitur studierte er Wirtschaftswissenschaften, machte im Jahrgang das beste Examen und konnte unter drei Stellenangeboten wählen. Eines war von Bosch, eines von Daimler und eines von Schwartau. „Mein Leben lang Marmelade konnte ich mir nicht vorstellen“, sagt Diez, der sich für Daimler entschied, und folglich seinem inneren Navigationssystem folgte. „Mercedes, des isch halt scho was.“ Er war schon damals weit mehr dem Tätigen zugeneigt als dem Untätigen, was sich sowohl in seinem Arbeitseifer spiegelte als auch in einer ansehnlichen Promotion über „Bestimmungsfaktoren der Nachfrage von Nutzfahrzeugen“. Geflügeltes Talent findet seinen Platz. Es dauerte nicht lange, bis Diez in den Vorzimmern der Bosse saß. Als frischgebackener Volkswirt diente er bei Daimler erst dem Vorstandsvorsitzenden Werner Breitschwerdt und später dem Vorstand für das Ressort Nutzfahrzeuge, Helmut Werner, welcher mancherlei Spuren im Konzern hinterließ.

Diez hatte an seiner Seite einen erfüllten Job und kam in der ganzen Welt herum. Es lief darauf hinaus, dass er eines Tage selbst in den Vorstand aufrücken könnte und vielleicht wäre das auch passiert, wenn ihn 1991 nicht dieser seltsame Anruf ereilt hätte. Eine Studienkollegin, die er von der Uni kannte und mittlerweile als Wissenschaftlerin arbeitete, meldete sich mit dem Hinweis, dass an der Hochschule Nürtingen-Geislingen ein neuer Studiengang aufgebaut werde. Gesucht wurde ein Professor für Automobilwirtschaft. Diez musste schlucken. Den Job traute er sich zu, er kannte die Fahrzeugindustrie wie nur wenig von innen, hatte nebenbei immer wieder Beiträge veröffentlicht. Es gab nur ein Problem: „Mein erstes Gehalt als Professor war gerade so hoch wie das Gehalt meiner Sekretärin bei Daimler.“

An den Scheidewegen des Lebens stehen keine Wegweiser, weshalb sich in solchen Momenten ein Gespräch mit engen Vertrauten empfiehlt. Diez redet mit seiner Frau Marlies, die ihm einen entscheidenden Satz mit auf die Reise gibt: „Mach es, wenn du es wirklich willst.“ Der Geist des Aufbruchs ist schön, vielleicht schöner als der Aufbruch selbst. So ähnlich verhält sich das mit einem guten Auto. Die Vorstellung darin zu sitzen ist schön. Schöner vielleicht als die Fahrt selbst. Diez entschloss sich, nicht länger Vollkasko durchs Berufsleben zu fahren und wagte den Schritt an die schwäbische Hochschule, wo er im kleinen Rahmen mit 15 Studenten begann und maßgeblich mitschrieb an einer Erfolgsstory im deutschen Bildungsbetrieb.

Der Neue bewegte sich mit hoher Drehzahl auf dem wissenschaftlichen Rundkurs. 1995 gründete er das Institut für Automobilwirtschaft (IFA,) das in der Folge durch viele Studien zu aktuellen automobilwirtschaftlichen Fragestellungen weit über die Region hinaus bekannt wurde. Zwei Jahre später startete der „Tag der Automobilwirtschaft“, der sich mit mehr als 500 Teilnehmern zu einem der größten automobilwirtschaftlichen Kongresse in Deutschland entwickelt hat. Auch im Lehrsaal ging es hochtourig weiter. Aus dem Studienzweig Automobilwirtschaft wurde ein eigenständiger Bachelor-Studiengang, welchem der Master-Studiengang „Automotive Management“ folgte. Diez baute mit seinen Kollegen am Standort in Geislingen den größten automobilwirtschaftlichen Studiengang an einer deutschen Hochschule auf. Nicht von ungefähr sind dort heute 400 Studenten eingeschrieben.

Einige seiner Absolventen haben es in die Top- Etagen von Automobilherstellern und automobilnahen Dienstleistern gebracht oder führen heute ihr eigenes Autohaus. „Man kann bei uns sehr fokussiert studieren“, sagt Diez und wirkt dabei stolz wie ein Turner nach gelungenem Abgang vom Reck. Nicht selten begegnet er auf internationalen Messen ehemaligen Studenten, die, in edlen Zwirn gewandet, in der Branche an den großen Rädern drehen.

Die Rolltreppe im Porsche-Museum fördert neue Gäste heran. Willi Diez posiert für den Fotografen in einem Spyder, Baujahr 1962, 210 PS. Es gibt schlimmere Termine für einen wie ihn. Wenn er Streifen wie Easy Rider sieht, in dem sich das Lebensgefühl der späten sechziger Jahre spiegelt, kämen ihm noch immer Tränen, erzählt er und plaudert nebenbei über die Mobilität von morgen. Wenn dem Professor danach ist, kann er die Vergangenheit mit der Zukunft verschmelzen, er braucht dafür nur ein paar Atemzüge. Jetzt ist ihm danach. Diez redet vom Automobil, das die Welt in den vergangenen 125 Jahren grundlegend verändert hat und vom Prozess der Massenmotorisierung, der in eine neue Phase eingetreten ist. Die reichen Industrieländer, auf die bisher der überwiegende Teil des Automobilabsatzes entfiel, seien großteils gesättigt. Wachstum verheißen jetzt vor allem die bevölkerungsreichen Regionen wie Asien und Lateinamerika. Noch ist jeder siebte Job in Deutschland vom Automobil abhängig. Der Industriezweig fährt unsicheren Zeiten entgegen. „Wir werden Arbeitsplätze in der Produktion verlieren, denn sie folgt den Märkten“, sagt der Wissenschaftler, dem trotzdem nicht bange ist um den Standort Deutschland. „Wir müssen das geistige Zentrum der Automobilbranche sein.“

Um die Pole-Position zu halten, bedürfe es mancherorts ein bisschen mehr Mut, findet Diez und schwenkt über zur Elektromobilität. Die Politik habe das Thema angeschoben, jetzt sei sie plötzlich unsicher geworden. „Wir müssen aufpassen, dass wir die globalen Trends nicht verschlafen. Das wird uns sonst überrollen.“ Wie schnell das gehen kann, hatte Diez neulich bei einem Besuch in der Tongji- Universität von Shanghai vor Augen. „Gegen das, was die dort aufziehen, ist das Entwicklungszentrum von Daimler ein Kleinbetrieb.“

In wenigen Jahren werden auf den Straßen der Welt voraussichtlich eine Milliarde Autos fahren. Die meisten von ihnen haben Benzin oder Diesel im Tank. „Der Verbrennungsmotor wird meine Lebenszeit bestimmen“, sagt Diez, der 60 Jahre alt ist und kein bisschen müde. Er habe noch einiges vor, sagt er zum Abschied, ehe er die Rolltreppe nach unten nimmt. In der Tiefgarage steht sein Wagen. Der Kindheitstraum hat sich erfüllt. Es ist ein Porsche.