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Politiker war gestern

Carpe diem – Martin Bury lebt danach. Mit 22 hat er sein Studium an der Berufsakademie abgeschlossen, mit 33 wurde er Minister, mit 39 startete er in der freien Wirtschaft durch.

Sein Gesicht ist jung, sein Haar grau wie der Nachmittag in Berlin. Draußen am Schiffbauerdamm treiben Eisschollen auf der Spree, drinnen wärmen alte Geschichten. Herr Bury, Vorname Martin, sitzt in einem Konferenzraum und begegnet sich selbst. Er redet über den Politiker, der er einmal war. Früher stand er oft im Rampenlicht. Jetzt fühlt sich das irgendwie seltsam an. Er hat lange kein Interview mehr gegeben.

Im Konferenzraum stehen 18 Ledersessel um einen ovalen Tisch, an dem für gewöhnlich eckige Probleme gelöst werden. Bury ist hier der Chef. Seit vier Jahren arbeitet er als Managing Partner bei Hering Schuppener, dem führenden Kommunikationsberater, wenn es um Fusionen und Übernahmen geht. 32 große Deals mit deutschen Firmen hat das Unternehmen im vergangenen Jahr begleitet, der Gesamtwert der Transaktionen lag bei mehr als 42 Milliarden Euro.

Vor dem Fenster liegt Schnee auf den steinernen Visitenkarten der Geschichte. Der Admiralspalast wartet auf Kundschaft. In den goldenen Zwanzigern stand das Amüsierquartier an der Friedrichstraße für den expressiven Vergnügungsrausch Berlins. Die alten Zeiten kommen wieder. An der Fassade wirbt ein gewaltiges Plakat mit Karikaturen von Politikern für das aktuelle Kabarett-Programm. Die Politiker stapeln sich. Unten Schäuble, darüber Gabriel und ganz oben Trittin.

Wahrscheinlich hätte Martin Bury heute einen Platz auf dem Plakat, wenn er im Politzirkus geblieben wäre, in dem sich manche wie Artisten verbiegen und andere ihr Rückrat eher durchgedrückt lassen. Er gehört zur zweiten Fraktion und hat es trotzdem bis ganz nach oben geschafft, als Staatsminister ins Kanzleramt. Kanzler Schröder hatte den jungen Genossen aus Bietigheim 1999 für viele ziemlich überraschend die Schlüsselposten in seiner Machtzentrale angeboten, auf die ein halbes Dutzend altgedienter Sozis aus waren. Der „Spiegel“ schrieb damals von „der märchenhaftesten Karriere der rot-grünen Ära“. Lange her. Martin Bury, 46, zuckt mit den Achseln. „Angesichts solcher Superlative kann ich nur Papst Johannes XXIII zitieren“, sagt er und schaut dabei hinaus auf das winterliche Berlin: „Giovanni, nimm Dich nicht so wichtig.“

Vielleicht ist das sein Erfolgsrezept gewesen in der Ära Schröder. Gesegnet mit der seltenen Gabe des lautlosen Strippenziehens, unterschied sich Bury nicht nur optisch von seinem Vorgänger, dem gewichtigen Kanzleramtsminister Bodo Hombach. Bury räumte Probleme weg, bereitete Strategien vor, hielt die Stellung im Headquarter, wenn sein Chef im Urlaub weilte. Das alles erledigte er im Duktus einer bewährten Devise aus seiner schwäbischen Heimat: Des verträgt’s Schnaufen net!

Dabei war der Hans Martin, wie ihn die Parteifreunde in Bietigheim nennen, wo er 1966 das Licht der Welt erblickte, zu Anfang seiner politischen Karriere alles andere als ein Leisetreter. Er sprühte vor Ideen und ließ die Welt reichlich daran teilhaben. Er war jung, er war frech und er war gut.

Nach dem Abitur am Wirtschaftsgymnasium studierte er 1985 Betriebswirtschaft an der Berufsakademie in Stuttgart, heute landesweit bekannt als Duale Hochschule. Das Studium, welches Lernen und Arbeiten kombiniert, entsprach seinem Wesen, alles möglichst praxisnah, gewissenhaft und schnell zu machen. „Eine gute Grundlage für alles, was danach kam“, sagt Bury im Rückblick. „Bis heute greife ich immer wieder auf das Handwerkszeug zurück, das ich mir damals erworben habe.“

In seiner Studienzeit trat er in die SPD ein, weil ihm Chancengleichheit und Gerechtigkeit am Herzen lagen und er eine emotionale Nähe zu Willy Brandt und Helmut Schmidt spürte. Bury übernahm den Vorsitz des Juso-Kreisverbands und wurde Stadtrat in Bietigheim. Sein Geld verdiente er nach seinem Abschluss als Vorstandsassistent in der Volksbank.

Eigentlich wollte er dort auch bleiben und wäre da nicht dieses Wochenende mit zwei Kumpels am Bodensee gewesen, wer weiß? Sie saßen damals anno 1989 in Meersburg zusammen und sprachen über die anstehende Wahl und darüber, dass sie in ihrem heimischen Sprengel keiner der SPD-Kandidaten so richtig überzeugte. Da kam in geselliger Runde die Idee auf, es doch selbst zu machen und weil Buy der einzige von den dreien war, der bereits fertig studiert hatte, fiel die Wahl auf ihn.

Entschlossen zog er ins Rennen und ließ die lokalen Mitstreiter hinter sich. Allerdings postierten ihn die Parteifreunde für die Bundestagswahl chancenlos auf dem letzten Platz ihrer Landesliste. Bury konterte auf seine Art, indem er kurzerhand zur Kampfkandidatur auf Platz drei ansetzte und eine fulminante Rede hielt. Es knirschte im Gebälk der Genossen und am Ende ging ein Raunen durch den Saal. Der Newcomer hatte sich durchgesetzt und zog mit 24 in den ersten gesamtdeutschen Bundestag ein.

Schon damals empfand er die Politik nur als Gefährtin auf Zeit. Fraktionschef Hans-Jochen Vogel bat die Neuen in Bonn um eine kurze Vorstellung und fast alle sprachen davon, mit dem Mandat als Krönung ihrer Laufbahn endlich am Ziel zu sein. Bury empfand das anders: „Ich bin am Anfang.“

Er sollte recht behalten. Der Banker aus Bietigheim ließ immer wieder aufhorchen, wurde wiedergewählt, machte sich einen Namen als Wirtschaftsexperte, der Umsatz und Grundsatz zu vereinen sucht. Das blieb Gerhard Schröder nicht verborgen, der ihn ins Kanzleramt holte. Bury kann sich noch gut an den Anruf erinnern. „Ich könnte mir vorstellen, dass du das machst“, sagte Schröder. „Ich mir auch“, antwortete keck der Kandidat.

Als Staatsminister mischte er mit in den wichtigsten Zirkeln. Die einen klopften ihm auf die Schulter, die anderen lästerten hinter seinem Rücken. Hajo Schumacher hat ihn damals im „Spiegel“ so beschrieben: „Bury gehört zur Sorte Volksvertreter, die man zugleich achten und fürchten muss. Achten, weil sie besser sind als der Durchschnitt, fürchten, weil sie so superperfekt sind, dass etwas nicht stimmen kann mit ihnen.“

Natürlich war er nicht perfekt und wollte es auch gar nicht sein. Aber er machte seinen Job perfekt geräuschlos in einer schreiend lauten Zeit. Der 11. September 2001 brachte alles ins Wanken. Bury war mittendrin im politischen Geschäft, in dem sich wahre Größe manchmal im Kleinen offenbart. Einmal lief Schröder zu Fuß an Handwerkerfrauen aus dem Osten vorbei, die sich seit Tagen vor dem Brandenburger Tor im Hungerstreik befanden, weil ihre Firmen nach der Wende in Not geraten waren. „Der Martin soll sich darum kümmern“, sagte der Boss. Bury übernahm den Auftrag und führte etliche Gespräche. Am Ende sagte die Wortführerin: „Wir vertrauen keinem Politiker mehr, aber ihnen vertrauen wir, dass Sie was tun.“ In solchen Momenten spürt einer wie er die Bürde des Amtes. Er hielt Wort und half den Familien so gut er konnte.

Die Politik ist ein verlockendes Geschäft. Es gibt viele, die Macht einmal geschmeckt haben und diesen Geschmack nie mehr los werden. Bury, zwischenzeitlich Staatsminister für Europa, wollte noch andere Geschmacksnoten für sich entdecken. Nach vier Legislaturperioden stieg er aus. „Man muss sich bewusst sein, dass der rote Teppich nicht der Person gilt, sondern dem Amt“, sagt er. Er hatte das auch schon mit 23 bei seiner ersten Nominierung betont. „Ich will nicht abhängig werden vom politischen Mandat“, hieß damals seine Botschaft.

Mit 39 fühlte er sich nicht zu alt für das Neue. Bewusst vollzog der Betriebswirt nicht nur den Berufs-, sondern auch den Ortswechsel. Er legte alle Ämter nieder und heuerte in Frankfurt bei der US-Investment Bank Lehman Brothers an, die 2008 infolge der Finanzkrise Insolvenz anmeldete. Es gibt angenehmere Aufgaben und Bury fand sie bei Hering Schuppener Consulting, wo er heute nach außen ähnlich lautlos arbeitet wie zu seiner Zeit als Staatsminister. Er lebt jetzt mit seiner Frau in Berlin, der Sohn studiert. Konserviert hat er das Gespür für wichtige Themen und den Sinn für das, was immer gilt. Bury versucht seine Gesprächspartner aus den Chefetagen großer Firmen dafür zu sensibilisieren, dass nicht nur die Bewertungen des Kapitalmarkts das Handeln bestimmen. Er hat dafür gute Argumente. Man könnte ihm stundenlang zuhören.

Draußen trägt die Stadt den Winter wie einen Anzug. Der Staatsminister a.D. zupft an seiner Krawatte. Er hat noch einen Termin. Achtlos schlendert er vorbei am Plakat mit den Politikern der Gegenwart. Einige von ihnen sehen aus, als hätte sie die Zeit zurück gelassen. Bei Martin Bury ist es anders. Er hat die Zeit zurück gelassen.