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Der etwas andere Banker

Thomas Jorberg ist Deutschlands führender Ökobanker und Gast in vielen Talkshows. Sein Studium begann er in Hohenheim. „Eine traumhaft schöne Uni“, sagt er.

Es gibt Banken, die sehen nicht wie Banken aus. Einen Steinwurf vom Schauspielhaus in Bochum entfernt stehen Fahrräder vor einem roten Haus, das sich nur farblich gegen die anderen Bauten im Viertel auflehnt. An der Wand hängt ein riesiges Plakat. „Geld gleicht dem Seewasser“, ist in dicken Lettern aufgedruckt. „Je mehr davon getrunken wird, desto durstiger wird man.“ Ein Satz, der recht gut passt zur nachwirkenden Krise der Finanzmärkte – und zum Haus, an dem er prangt. Es gibt in Deutschland wohl kein anderes Kreditinstitut, das sich trauen würde, seine Kunden auf diese Weise zu empfangen. Thomas Jorberg traut sich. Er ist Vorstandssprecher der GLSBank und sitzt in einem Büro, das von der Größe her in anderen Bankhäusern vom Sekretariat des Chefs beansprucht wird. Der Tisch ist hübsch gedeckt. Es gibt Kuchen vom Ökobäcker, fair gehandelten Tee, und ein bisschen Geldpolitik gibt es auch. „Zu viel Kapital ist auf dem Markt, das maximale Rendite abwerfen muss“, sagt Thomas Jorberg. Der Diplom-Ökonom nimmt kein Blatt vor den Mund. „Systemisch organisierte Verantwortungslosigkeit“, nennt er es, was in der Branche passiert, die auch seine Branche ist. „Die jüngste Finanzmarktkrise zeigt, dass dieses System auch ökonomisch nicht mehr leistungsfähig ist – sozial und ökologisch ist es das schon länger nicht mehr.“

Der Hausherr will anders sein, ein alternativer Banker, der nicht wie Schnittlauch auf den Suppen der globalen Finanzwirtschaft schwimmt. Das hat mit seinen frühen Prägungen zu tun. Aufgewachsen ist Jorberg im Remstal, umgeben von lieblichen Hügeln, auf denen die Apfelbäume in guten Jahren pratzelvoll hängen. Wenn er von der Waldorfschule zurück nach Manolzweiler kam, gab‘s Saft von eigenen Äpfeln. Den trinkt er heute noch. Nach dem Abitur ist Thomas Jorberg eher zufällig in Bochum gelandet. Sein Bruder wohnte dort im Haus eines Rechtsanwalts namens Wilhelm- Ernst Barkhoff, der Anthroposoph war und gerade eine kleine Genossenschaftsbank gegründet hatte für Anleger mit Idealismus. Projekte in der Biobranche, der Heilpädagogik und der Ökolandwirtschaft wollte er fördern. Barkhoff taufte das Baby Gemeinschaftsbank für Leihen und Schenken. Der Schwabe Jorberg, der eigentlich nur den Bruder besuchen wollte, war fasziniert von der Idee, und so wurde er 1977 der erste Lehrling der GLS-Bank, die in der Bochumer Villa des Gründers ein paar Räume bezogen hatte. Das Geschäft war recht überschaubar, der Jungbanker kannte bald fast jeden Sparer persönlich. Die Bank zählte damals nur zwölf Mitarbeiter und 2.335 Kunden. Nach der Lehre zog es Jorberg gleich wieder in die Heimat. Er studierte Wirtschaftswissenschaften in Hohenheim. „Es war eine traumhaft schöne Uni“, sagt er. Einiges gelernt habe er auch. „Hohenheim war die Grundlage für alles, was danach kam“, sagt der Banker und schmunzelt dabei. Jorberg war nämlich nur ein Semester in Hohenheim. Dann bot ihm die GLS-Bank einen lukrativen Nebenjob, und so machte sich der Student zurück ins Ruhrgebiet auf und büffelte in Bochum weiter.

Mehr als dreißig Jahre später sitzt der ehemalige Hohenheimstudent im Büro des Vorstandssprechers der führenden deutschen Ökobank und bereitet sich auf einen Vortrag über alternatives Banking vor, den er in Bochum am Institut für Kredit- und Finanzwirtschaft hält. Der Mann ist gefragt, in Talkshows, in Wirtschaftsredaktionen und als Dozent. Gerne und oft redet er über den Dominoeffekt in seinem Gewerbe und das Irrationale der Märkte, das brave Sparer in Angst und Schrecken versetzt. Jorberg, 52, weiß, dass es auch anders geht. Er ist Chef von 254 Mitarbeitern, die heute 77.000 Kunden betreuen – 15.000 mehr als im Jahr zuvor. Die Bochumer sind damit noch immer ein Zwerg in der deutschen Bankenlandschaft, aber der Zwerg wächst erstaunlich. Davon können andere Geldhäuser in diesen Zeiten nur träumen. Das Bilanzvolumen der GLS-Bank hat gegenüber dem Vorjahr um 33,3 Prozent auf 1,35 Milliarden Euro zugelegt, die Kundeneinlagen um 37 Prozent, die Kredite um 17 Prozent. Über den Erfolg staunt der Chef manchmal selbst. „Der Zuwachs kommt von Menschen, die anders handeln wollen“, sagt Jorberg. „Viele haben ein ungutes Gefühl in diesem Bankenmarkt. Sie wollen wissen, was mit ihrem Geld passiert. Der Sinn steht für sie über dem Gewinn.“ Das klingt seltsam aus dem Munde eines Bankchefs, ungefähr so, als würde ein gestandener Metzger über vegetarische Leberwurst reden. Geht eigentlich gar nicht. Oder doch?

Herr Jorberg, der anders als Herr Lehman ist, fährt jedenfalls nicht schlecht damit. „Glaubwürdig sind nur transparente Banken“, sagt der Boss, der von sich behauptet, dass er in einer Bank, in der es nur um Umsätze, aber nicht um Grundsätze geht, kaum denkbar wäre. Die GLSBank hat Grundsätze. Sie listet Vorstandsgehälter und Kredite im Kundenmagazin auf, auf dass jeder sieht, was die Herren mit dem Geld so treiben. Gegen den Trend kommt an in Zeiten verbrannter Milliarden. Jorberg und die Seinen sind zwar keine Heiligen, aber ein bisschen anders sind sie schon. „Bei uns kann jeder sagen, was mit seinem Geld passieren soll“, sagt er. Montessori-Kindergarten, Heilpädagogik, Behindertenwerkstatt oder Biolandwirtschaft: Alles ist möglich. Atomkraftwerke und Panzerfabriken stehen nicht auf der Liste der Investitionen. Es geht auch so. Thomas Jorberg ist mittlerweile der dienstälteste Banker im Haus. 1994 wurde er in den Vorstand berufen, seit 2003 ist er dessen Sprecher.

Seine Bank steht wie andere im Wettbewerb und muss sich an marktüblichen Zinsen messen lassen, auch wenn sonst nicht alles marktüblich ist. Wer ein bisschen was auf der hohen Kante hat und das Geld nicht unbedingt benötigt, kann zugunsten sozialer Projekte auch auf die Rendite verzichten. Immerhin zehn Prozent der Sparer machen das. Dass die Bochumer Banker bei alledem irgendwann abheben und dem Schein mehr glauben als den tatsächlich vorhandenen Scheinen, sieht Jorberg nicht als Gefahr. Vor dem Verlust der Bodenhaftung würde den Exilschwaben vermutlich schon Vater Ulf in Manolzweiler bewahren. Der ist selbst Mitglied der Bank und ein kritischer Zeitgenosse, der seinem Sohn gerne mal mahnende Worte einpackt, wenn der nach einem Besuch im Remstal zurück zur Familie nach Bochum fährt. Gelegentlich nimmt Jorberg auch ein Lob vom Senior aus dem Land der Sparer und Schaffer mit. Dem Vater hat es gefallen, wie die Bank, die das Vermögen aus knapp zwei Dutzend Stiftungen verwaltet, eine Stradivari gewinnbringend eingesetzt hat. Eine vermögende Stuttgarterin hatte dem Kreditinstitut das wertvolle Instrument vermacht. Die Geige wurde in London für 800.000 Euro versteigert, das Geld floss in Bochumer Grundschulen, wo jedes Kind seitdem die Chance bekommt, ein Instrument auszuprobieren. „Geld ist für den Menschen da“, sagt Thomas Jorberg, „nicht umgekehrt.“