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Anwalt der Beschäftigten

Wann immer Jörg Hofmann, ehemals Student an der Uni Hohenheim, an einem Verhandlungstisch sitzt, geht es um viel Geld. Der 57-jährige Ökonom ist Chef der IG Metall in Baden Württemberg.

Auf welcher Seite das Herz von Jörg Hofmann schlägt, verrät sein Büro im zweiten Stock eines modernen Neubaus, der zwischen denkmalgeschützten Backsteinveteranen der einstigen Lederfabrik Roser auf einer Industriebrache in Feuerbach steht. Zwei Kunstplakate hat der Hausherr neben seinem geräumigen Schreibtisch hängen. Eines davon gehört zu den düsteren Arbeiterbildern des norwegischen Malers Edvard Munch, der es wie kein anderer verstanden hat, Qualen in Farben auszudrücken. Direkt daneben dreht ein gebeugter Arbeiter im Unterhemd unermüdlich an einem eisernen Schwungrad, das eine ganze Maschinenfabrik anzutreiben scheint. „Riese Proletariat und große Maschinerie“ steht in roten Lettern auf dem symbolträchtigen Kunstwerk, mit dem einst eine Ausstellung über die Darstellung der Arbeiterklasse in der Fotografie beworben wurde.

Hofmann, SPD-Mitglied und Chef der mitgliederstarken und mächtigen IG-Metall in Baden-Württemberg, trägt einen roten Gewerkschaftsbutton am Revers. Er ist in Plauderlaune und referiert über Arbeitszeitmodelle, flexible Tarifverträge, Zwei-Klassen- Systeme, Beschäftigungssicherheit und zähe Verhandlungen mit den oft unnachgiebigen Bossen der Arbeitgeberseite, die sich mitunter schier endlos ziehen. 130 Tage lang hat der Gewerkschafter beispielsweise gerungen, um Arbeiter und Angestellte bei der Ermittlung des Entgelts gleichzustellen und damit „endlich diese nicht mehr zeitgemäße Nachkriegsregelung abzuschaffen“, wie er sagt. „Wir wollten ein gerechtes Bewertungssystem einführen, das die Anforderungen der heutigen Arbeitswelt aufnimmt und für alle Beschäftigten gleich wirkt.“ 2003 wurde der richtungsweisende Tarifvertrag für bundesweit fast zwei Millionen Arbeitnehmer ins Werk gesetzt.

Wann immer der Diplom-Ökonom an einem Verhandlungstisch im Land sitzt, geht es um ziemlich viel, um Millionen und Milliarden, um reichlich Bares also, das den Arbeitgebern bekanntermaßen nicht so locker in den Taschen sitzt. Oft sitzen sich die Parteien beim Tauziehen um die Prozente unversöhnlich gegenüber, wobei Hofmann längst auf beiden Seiten des Tisches für seine angenehm unaufgeregte und sachliche Art bekannt ist. Der Verhandlungsführer ist nicht der Typ von Gewerkschafter, der hemdsärmlig mit hochrotem Kopf immer lauter wird, wenn nichts voran geht. Er ist ein Mann der leisen Töne und bestechenden Argumente, einer der beharrlichen Sorte. „Es ist nicht meine Art, im Auftritt die Lösung zu suchen“, sagt er. „Man muss strategisch denken und geduldig sein.“

Im Remstäler Oppelsbohm als Sohn eines Lehrerpaars aufgewachsen, wollte Hofmann sein Glück eigentlich in der Landwirtschaft suchen, inspiriert von der Heimat seiner Jugend. Nach kurzer Ausbildung in einem landwirtschaftlichen Betrieb studierte der damals 21-Jährige zunächst tatsächlich Agrarökonomie an der Universität Hohenheim. Ziemlich schnell verlegte er sein Fachgebiet dann aber weg von der Erforschung landwirtschaftlicher Märkte auf die Zusammenhänge von Wirtschaftssystemen und auf Industriesoziologie. „Das hat mich wesentlich mehr interessiert“, sagt Hofmann im Rückblick, der seinen Horizont als Student außer in Hohenheim auch in Paris und Bremen geweitet hat.

Großes Interesse zeigte der junge Student seinerzeit vor allem auch an der Arbeit der Fachschaften und der Studentenvertretung Asta, in der er sich von Beginn an engagierte. Zugleich war Hofmann aktives Mitglied eines „linken Grüppchens“ namens Spartakus, das sich insbesondere mit dem „kapitalistischen Wirtschaftssystem der Bundesrepublik Deutschland“ auseinandersetzte und Ende der politisch aufgewühlten 70er Jahre Versammlungen, Kundgebungen, Demonstrationen und Protestmärsche aller Art organisierte. Mitglied eines anderen „linken Grüppchens“ war seinerzeit ein gewisser Winfried Kretschmann, heute der erste grüne Ministerpräsident in Deutschland, den Hofmann aus den Anfängen seiner Studentenzeit noch kennt. Hohenheim sei damals „deutlich revoltiger als Stuttgart“ gewesen, sagt der Gewerkschafter, der nach Abschluss des Studiums zunächst zwei Jahre lang als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Industriebetriebslehre tätig war, dann die Hochschule aber doch verließ, wie er sagt: „Mein politisches Engagement als Student stand wohl gegen eine weitere Karriere an der Universität.“

Karl Marx, Philosoph, Vordenker, Nationalökonom und Protagonist der Arbeiterbewegung, hat einst den klugen Satz geprägt, „das Sein bestimmt das Bewusststein“. Der Hohenheim-Absolvent Hofmann mochte nach längerem Überlegen lieber Gewerkschafter als Wissenschaftler sein. „Ich wollte für mich etwas sinnvolles im Beruf erreichen, nicht irgendwann den fünften Forschungsbericht schreiben, den keiner liest“, sagt der Remstäler, der gerne mit Menschen zusammenarbeitet. In Gewerkschaftskreisen, für die er zuvor schon als Student Schulungen zu Technik und Arbeitsorganisation veranstaltet hatte, fand er die Gelegenheit, die ein oder andere „studentische These dem Realitätstest“ zu unterziehen. „Dabei habe ich mir nicht nur Freunde gemacht“, erzählt Hofmann, der im September 2003 zum neuen Bezirksleiter der IG Metall Baden-Württemberg berufen wurde, zum Chef des mit heute rund 420.000 Mitgliedern zweitgrößten Bezirks der IG Metall nach Nordrhein-Westfalen.

Begonnen hatte er seine steile Gewerkschafterkarriere freilich weiter unten, anno 1987 als Sekretär in der Verwaltungsstelle Stuttgart, zuständig für die Verbesserung und Optimierung von Arbeitsabläufen. Später betreute er unter anderem die Fachgebiete Entgeltpolitik und Arbeitsorganisation. Einen Namen innerhalb der baden-württembergischen IG Metall, die Ende der 80er Jahre mit einer halben Million Mitglieder ihre Hochphase hatte, machte er sich vor allem in seiner Zeit als Tarifsekretär, der sich als Mann für ziemlich komplizierte Verhandlungen an vorderster Front bewähren musste. Die Wirtschaftskrise Mitte der 90er Jahre kostete die baden-württembergische Metall- und Elektrobranche mit Großkonzernen wie Daimler, Bosch oder Porsche dann rund 20 Prozent der Beschäftigung und damit auch viele Mitglieder, gefolgt bis heute von einem ständigen Auf und Ab. „Derzeit legen wir wieder etwas zu“, sagt Hofmann. Eine der Lehren aus den Krisenzeiten war die zu Beginn nicht unumstrittene Einführung flexibler Arbeitszeitkonten, so Hofmann, die dann neben der Kurzarbeit wesentlich dazu beigetragen habe, „dass die baden-württembergische Wirtschaft den tiefen Absturz in den Jahren 2008 und 2009 ohne einen großen Verlust an Beschäftigung durchstehen konnte“.

Seit er das Abzeichen der IG Metall am Revers trägt, hat Hofmann an zahlreichen wegweisenden Tarifabschlüssen entscheidend mitgewirkt, meist zum Wohle aller „Metaller“ in Deutschland. Was immer die Verhandlungsführer in den beiden großen Pilotbezirken Baden-Württemberg oder Nordrhein- Westfalen mit den Arbeitgebern aushandeln, wird in der Regel später bundesweit übernommen. Die eigentliche Arbeit fängt derweil erst nach dem Abschluss an: Um aus dem Papier Realität zu machen, also den neuen Tarifvertrag in rund 8.000 Betrieben umzusetzen, „braucht man einen viel längeren Atem“, sagt Hofmann, der in Baden-Württemberg auf 300 Beschäftigte in 27 Regionalstellen bauen kann. Er selbst hält sich nicht unbedingt an die tarifliche Arbeitszeit: Zwölf Stunden und mehr sind seine Tage lang, und das sechs Tage in der Woche. „Der Job ist ziemlich zeitintensiv.“

Das bisschen Zeit, das ihm bleibt, verbringt er gerne mit Wandern, mit Tennis, mit Büchern über die Landesgeschichte und mit Musik, am liebsten hört er Jazz und Klassik. Nur einen „Ausrutscher“ erlaubt er sich dabei, wie er sagt: den Punk der Toten Hosen, Kultband aus Düsseldorf. „Die gefallen mir halt.“ Sein Leben hat Hofmann fast ausschließlich im Schwabenland zugebracht, mit seiner Frau, die aus Portugal kommt, und seiner elfjähriger Tochter wohnt er heute in der Esslinger Innenstadt. Eine der dringlichsten Aufgaben für die Zukunft sieht er im Umgang mit den Arbeitsbedingungen für eine immer älter werdende Belegschaft. Wie müssen die Arbeitsplätze von Morgen gestaltet werden, damit die Menschen gesund bleiben? „Auf diese Frage“, sagt Hofmann leise aber bestimmt, „fehlen uns noch die Antworten“.