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Die Frau für die Zahlen

Die Mathematikerin Wiltrud Pekarek gehört als eine von wenigen Frauen dem Vorstand eines Versicherungskonzerns an. Ihr Geschäft sind vorauseilende Befunde über die Welt von morgen.

Es gibt Menschen, denen fehlt der Drang zur Oberflächlichkeit. Wiltrud Pekarek ist so jemand. Sie sitzt in ihrem Büro an einem runden Tisch, an dem manchmal eckige Probleme gelöst werden, und redet über die Zukunft. Wiltrud Pekarek ist Mathematikerin. Mit den Fakten von heute skizziert sie das Leben von morgen. Die Managerin prüft ihre Sätze genau, bevor sie ihnen die Freiheit schenkt. Was sie erzählt, ist gespickt mit Zahlen, die vielleicht schon bald schwer lasten auf dieser Gesellschaft. Die Zahlen künden vom unaufhaltsamen Demografiewandel. „Es wird zu großen Engpässen in der Finanzierung unseres heutigen Lebensstandards kommen“, sagt sie. „Wir steuern auf einen Generationenkonflikt zu.“ In Geislingen geboren, ist Wiltrud Pekarek in Salach unweit von Göppingen in einem katholischen Elternhaus aufgewachsen, in dem nicht nur der Glaube wohnte, sondern auch der Sport seinen festen Platz hatte. Vater Anton, genannt Toni, war in den fünfziger Jahren ein erfolgreicher Handballtorwart bei Frisch Auf Göppingen, deutscher Meister, Europapokalsieger und irgendwann auch Abteilungsleiter. Am Esstisch der Familie hockten isländische Handballer, die für Frisch Auf spielten und nicht selten nächtigten die wurfstarken Herren auch für einige Zeit im Gästezimmer.

Wiltrud ging aufs Gymnasium in Eislingen, spurtete als erfolgreiche Leichtathletin durchs Stadion und machte Abitur mit Notendurchschnitt 1,2. Die Mathematik hatte es ihr angetan. „Auf dieser Basis versuchte ich die Welt zu verstehen.“ Sie entschied sich bewusst dafür, in Salach zu bleiben und studierte ihr Lieblingsfach an der Hochschule für Technik in Stuttgart. „Ich hatte dort alle Chancen.“ Sie spezialisierte sich auf Versicherungs- und Finanzmathematik. Eine fundierte Ausbildung, eine tolle Zeit. In ihrer Diplomarbeit ging es um Krankenversicherungsmathematik. Die Absolventin bekam Kontakt zur Branche und landete 1984 bei der Hallesche Krankenversicherung a. G. Sechs Jahre später stieg sie mit knapp 30 zur Leiterin der Mathematikabteilung auf, seit 2004 gehört die Schwäbin dem Vorstand an und verantwortet die Ressorts Produkte, Mathematik, Vertrag und Leistung. Dazwischen hat sie ihren Mann Rainer geheiratet, der als Banker kürzer trat und nach der Geburt des Sohnes einen modernen Rollentausch vornahm, von dem alle profitierten. „Der Job, den ich hier mache, geht ganz oder gar nicht“, sagt Wiltrud Pekarek.

Mit ihrem Mann und dem Sohn teilt sie die Leidenschaft für den Sport. Die Mutter ist Mitglied beim FC Bayern, die beiden Herren sitzen bei Heimspielen auf der VfB-Tribüne. Alle zusammen begeistern sich für Frisch Auf Göppingen, wo sie ebenfalls regelmäßig zu Gast sind. Wiltrud Pekarek weiß, wovon sie redet, beim Sport wie im Beruf. Als Chefin ist sie zuständig für mehr als 500 Mitarbeiter des Versicherungskonzerns Alte Leipziger-Hallesche. Als erste und bisher einzige Frau hat sie Sitz und Stimme in den Vorstandsgremien beider Häuser. Ihr Rat ist bei den Kollegen gefragt. Aus der 49-jährigen Führungskraft spricht die Logik der Mathematik. Nach dieser Logik steht das Land vor einer betagten Zukunft. Mindestens ein Drittel der heute 65-jährigen Männer in Baden-Württemberg können leicht 85 werden, bei den Frauen sind es sogar 56 Prozent. Damit hat sich der Anteil derer, die nach Erreichen des jetzt gültigen Renteneintrittsalters die Aussicht auf mindestens zwanzig weitere Jahre haben, in nur drei Jahrzehnten praktisch verdoppelt. Die Experten gehen davon aus, dass jedes zweite Mädchen, das heute zur Welt kommt, eine Lebenserwartung von 100 Jahren hat, jeder zweite Junge wird voraussichtlich mindestens 95. Ob sie alle in bester Gesundheit alt werden? Schon heute sind rund 2,3 Millionen Bundesbürger pflegebedürftig, ein Drittel davon lebt im Altenheim. Tendenz rasant steigend. Wie wirkt sich das in einer Gemeinschaft mit ausgeprägter Vollkaskomentalität aus? Was bedeutet es für uns Heutige und was für die Künftigen? Solche Fragen stellt sich Wiltrud Pekarek von Berufs wegen.

Ihre Antworten stimmen nachdenklich. 1950 haben statistisch gesehen 3,5 Erwerbstätige einen Rentner finanziert. 2001 waren es 2,3. Im Jahr 2050 werden es nur noch 1,25 sein. Man kann es auch anders ausdrücken. Ihr Sohn Manuel, heute 14, wird im Alter von 54 nicht nur seinen Lebensunterhalt verdienen und den eigenen Lebensabend absichern müssen, sondern hat in einer alternden und schrumpfenden Gesellschaft auch noch die Beiträge für einen Rentner aufzubringen. Wäre er gesetzlich krankenversichert, würden seine Beiträge nach heutigen Prognosen bei mehr als 25 Prozent des Gehalts liegen. Mit einer altersbejahenden Grundhaltung wird es da schwieriger. Auf die Frage „Wie wollen Sie sterben?“ antwortete unlängst in einem FAZ-Fragebogen ein Jüngling kühn: „Im Alter von 97 in den Armen einer schönen Frau, erschossen von ihrem Ehemann.“ Wiltrud Pekarek will die Zukunft mitgestalten. Deshalb führt sie Gespräche mit Politikern, denen sie ihre Zahlen vorhält. „Sie sind längst bekannt“, sagt sie. „Nur leider hört man nicht auf die Mathematiker.“

Ideologisch aufgeheizte Fragen stehen im Raum. Privat oder gesetzlich? Welche Medizin bekommt der einfache Patient in Zukunft? Wird er an jeder Segnung des medizinischen Fortschritts teilhaben können? Lässt sich das heutige Versorgungsniveau in Anbetracht des demografischen Wandels überhaupt halten? Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass es in Zukunft härter geführte Debatten um Eigenverantwortung und auch um Grenzen der Machbarkeit geben wird. Nur wenige sprechen es offen aus. „Nicht jeder wohnt in einer Villa und nicht jeder fährt einen Porsche“, sagt Wiltrud Pekarek. „Darum geht es im Grunde.“ Mit weichem Zungenschlag verkündet sie harte Wahrheiten. Das ist gefordert, dort, wo sie ihr Büro hat. Wiltrud Pekarek sitzt in der Chefetage eines Unternehmens mit einem jährlichen Umsatz von mehr als drei Milliarden Euro.

Abgehoben ist sie deshalb nicht. Im Gegenteil. Sie wirkt wie jemand, der schon vor langer Zeit seine innere Mitte gefunden hat, wie jemand, der weiß, wie es in den unteren Etagen aussieht. Sie sind ihr nicht fremd. Manchmal gibt es keine Formeln vor dem Ergebnis. Eine berufliche Karriere lässt sich nicht einfach mal kurz nach mathematischen Methoden der Wahrscheinlichkeitstheorie vorausberechnen. Sie hat das gar nicht erst versucht. Es hätte nicht ihrer Art entsprochen. „Mein Glaube macht mir immer wieder bewusst, wie klein der einzelne Mensch ist und wie begrenzt das Zeitumfeld, in dem er wirkt“, sagt Wiltrud Pekarek. Sie wollte einfach nur gut sein, dort wo sie war. Und sie war gut. Jetzt ist sie oben und oben ist anders. „Wer die Laterne trägt, stolpert leichter, als wer ihr folgt“, hat der Dichter Jean Paul einmal geschrieben. Wiltrud Pekarek weiß das – und trägt nicht zu schwer daran. Das hat mit dem Mikrokosmos in Salach zu tun, dem sie treu geblieben ist, mit ihrer Prägung und mit wertvollen Freundschaften, die ihr helfen, im Makrokosmos eines Konzerns zu bestehen. Neulich hat ihr jemand aus dem Freundeskreis vorgerechnet: „In zehn Jahren bin ich endlich in Rente.“ Wiltrud Pekarek dachte an ihre Zahlen und daran, dass das Altwerden wohl mit solchen Sätzen beginnt. Sie fühlt sich zu jung für diese Art der Mathematik. „Man muss im Hier und Jetzt leben und von dort aus die Zukunft gestalten“, sagt sie mit Gewissheit in den Augen. „Nur darauf kommt es an.“