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Eine ganze Stadt im Herzen

Nach ihrem Studium an der Ludwigsburger Hochschule für öffentliche Verwaltung und Finanzen hat sich Ursula Keck durchs Reich der Bürokratie geabeitet. Jetzt regiert sie in der Stadt Kornwestheim.

Drei Dinge hat Ursula Keck auf den Weg in ihr Amt mitbekommen, zwei davon haben einen Platz auf ihrem geräumigen Schreibtisch im Rathaus von Kornwestheim. Eine Wasserwaage, um in wichtigen Angelegenheiten das rechte Lot zu finden. Und ein besonderer Stein aus Südafrika, ein Tigerauge, der ihr Kraft und Sicherheit verleihen soll. Die dritte Mitgabe schwebt sozusagen durchs ganze Haus: „Wir sind der Motor, seien Sie uns das Superbenzin“, hat sich die Verwaltung von ihrer neuen Oberbürgermeisterin zu deren Amtsantritt am 9. August 2007 gewünscht.

Man hätte es kaum besser ausdrücken können. Die Energie, mit der Ursula Keck die Dinge angeht, ist schon beim ersten Händedruck zu spüren. Da passen zwei zusammen, das Amt und die Frau. Es ist eine ganze Stadt mit all ihren vielfältigen Problemen, den täglichen Herausforderungen und den Bedürfnissen der Menschen, die sie im Herzen trägt, die jeden Tag aufs Neue ihre Gedanken bewegen.

Kornwestheim. Wo anfangen und wo aufhören? Da ist vor allem das neue Kulturzentrum mit integrierter Bücherei, ein Prestigeprojekt, das die Stadt 19 Millionen Euro kostet und zu ihrem Leidwesen gerade ein halbes Jahr im Zeitplan zurückhängt. Gleichzeitig läuft derzeit die Sanierung und Umgestaltung der kompletten Innenstadt, durch die Autos künftig anders fahren sollen, um mehr Platz für Menschen zu schaffen. Und nicht zuletzt beschäftigt sie die Zukunft der Kommune mit ihren knapp 32.000 Einwohnern, der die engagierte Oberbürgermeisterin als Rüstzeug ein neues Profil geben will, wie sie sagt.

Auch über ihre eigene Zukunft hatte Ursula Keck als junge Frau eindeutige Vorstellungen, die sich allerdings zunächst nicht erfüllen sollten. Aufgewachsen in Mötzingen, einer 3.000-Einwohner- Gemeinde zwischen Herrenberg und Nagold, hatte sie es als große Befreiung erlebt, endlich in die Stadt aufs Gymnasium fahren zu können, ins vergleichsweise immer noch beschauliche Nagold. Sie hat das durchaus als Privileg verstanden. „Damals ist es nicht selbstverständlich gewesen, dass Mädchen das dürfen“, sagt sie. Für Kinder, die wie sie in einer Arbeiterfamilie aufgewachsen sind, schon gar nicht. Ihr Taschengeld verdiente sich die Schülerin jahrelang in einem Gartenbaubetrieb dazu, nach dem Abitur wäre sie dann am liebsten Landschaftsarchitektin geworden. Oder Bibliothekarin. Ihre Mutter konnte sich bei vier Kindern weder das eine noch das andere Studium leisten. Sie musste die Kinder allein durchkriegen. Ihr Mann war früh gestorben. Also traf Ursula Keck eine pragmatische Wahl, wie sie im Rückblick erzählt, und machte eine solide Ausbildung zur Gemeinde- und Regierungsinspektorenanwärterin. Daran hängte sie ein Studium an der Ludwigsburger Fachhochschule für öffentliche Verwaltung an, zu einer Zeit, in der es in Baden-Württemberg noch keine einzige Bürgermeisterin gab. „Und das“, sagt sie, „ist auch heute noch nicht selbstverständlich.“

Sie hat sich durch die Stuben der Verwaltungswelt gearbeitet, durch Baurecht, Umweltschutz und Landesentwicklung. Irgendwann kam der große Schritt. Kandidatur um den Oberbürgermeister- Posten in Kornwestheim. Mit mehr als 70 Prozent der Stimmen setzte sie sich am Ende gegen den zweiten Kandidaten durch, immerhin den damals amtierenden Rathausvorsteher. Ein überraschend deutliches Ergebnis für die parteilose Kandidatin, die zuvor viele Monate gerungen und sich mit ihrem Mann beraten hatte, ob das höchste Amt in der Stadt nicht zu hoch für sie sei.

Lange her ist das. Nach fünf Amtsjahren trägt sie längst das sichere Gefühl in sich, den richtigen Weg gegangen zu sein, der sie täglich quer durchs pralle Leben führt. „Mich immer nur mit drei Paragrafen zu beschäftigen, wäre mir viel zu wenig“, sagt sie. Es ist die Vielfalt, die sie reizt, mit allem zu tun zu haben, was die Bürger einer Stadt beschäftigt, bewegt und betrifft. „Ich bin eine Generalistin“, sagt sie über sich. Sie braucht den Kontakt zu Menschen, interessiert sich für deren Biografien und Geschichten. Dass ihre Arbeitstage meist zwölf Stunden und länger dauern, nimmt sie dabei als gegeben hin, ihre Energie und die Lust an der Arbeit tragen sie durch jeden noch so langen Terminmarathon. Das ist auch eine Frage der Einstellung für sie. „Es wäre ein Fehler, alles nur als Belastung zu sehen, dann dürfte man den Beruf nicht machen. Die Arbeit muss Teil der eigenen Lebensqualität werden.“

Neulich hat die Frau Oberbürgermeisterin die Baustelle am Kulturzentrum betrachtet, sich in den Kran gesetzt und sich das Ganze über den Dächern von Kornwestheim aus der Vogelperspektive angeschaut. Hinterher war sie bei einem Treffen mit einer Lehrerin aus China, die an einem Schüleraustauschprogramm teilnimmt und interessante Geschichten aus dem Reich der Mitte erzählt hat. Und schließlich war die Rathauschefin als Gratulantin auf einer Diamantenen Hochzeit, bei der sie viel erfahren hat über Menschen, die seit 60 Jahren miteinander leben. Ein ganz normaler Tag mit vielen Eindrücken, die bereichern. „Wenn man neugierig ist“, sagt Ursula Keck, „bekommt man sehr viel zurück.“

Ihr neues Leben gefällt ihr, erfüllt sie mit Glück, auch wenn das alte so schlecht nicht war. Acht Jahre lang hatte sie sich in der Landeshauptstadt als Bezirksvorsteherin um die Belange von Mühlhausen gekümmert, einem Stadtbezirk, der mit rund 26.000 Einwohner von der Größe durchaus vergleichbar mit Kornwestheim ist. Das Leben ist dennoch ganz anders geworden. Der Kontakt zu den Bürgern ist noch intensiver als früher, sie ist näher an den Entscheidungen, trägt mehr Verantwortung für die Stadt, in der vor ihr ein anderer Name regiert hat: Salamander. Immer noch trifft man fast überall auf die Spuren des Schuhherstellers. Auch im Amtszimmer der Oberbürgermeisterin hängen einige Salamander-Bilder an der Wand, und das Rathaus selbst steht am Jakob-Sigle-Platz, der nach dem legendären Schuhmachermeister und Firmengründer benannt ist. Nach der Insolvenz vor einigen Jahren ist das ehemalige Firmengelände mit seinen 90.000 Quadratmetern Fläche zwischenzeitlich zum größten Baudenkmal Deutschlands geworden, über dessen Zukunft sich Ursula Keck ebenfalls so ihre Gedanken machen muss. Der Stadt ein neues Selbstbewusstsein zu geben, darin sieht sie denn auch eine ihre wichtigsten Aufgaben in der ehemaligen Schuhstadt. „Wir müssen ein neues Profil entwickeln und klarmachen, wofür der Name Kornwestheim steht.“

Ein wichtiger Baustein dabei soll ein Projekt sein, das ihr besonders am Herzen liegt. In einem Gebäudekomplex mitten in der Stadt soll eine große Spielwelt für Kinder entstehen, wie es sie in Deutschland bisher noch nicht gibt. Geboren hat die Oberbürgermeisterin die Idee zusammen mit dem Geschäftsführer der Ravensburger Spieleland AG, nach deren pädagogischem Konzept die Spielwelt nun auf insgesamt 2.000 Quadratmetern gestaltet werden soll. „Das gibt es bisher in keiner anderen Stadt“, sagt Ursula Keck nicht ohne Stolz. Immerhin 2,5 Millionen Euro muss die Stadt an dem Bau beisteuern, was die Oberbürgermeisterin nicht wenig Überzeugungsarbeit im Gemeinderat gekostet hat.

Auftanken muss freilich bei einem solchen Pensum auch eine wie sie, wozu Ursula Keck dreimal in der Woche früh morgens in ihre Joggingschuhe schlüpft. Und es ist für sie eine Art festes Ritual geworden, gleich nach dem Aufstehen um halb sechs in ihren Kräutergarten zu gehen, um sich Blätter für ihren Morgentee zu zupfen. Vor kurzem hat sie ihre Sammlung um einige Jiaogulan-Pflanzen erweitert, das Kraut der Unsterblichkeit, das ein hundertjähriges Leben verspricht. „Das kann ja nicht schaden“, sagt sie – und lacht, was sie gerne und häufig tut.

Seit Jahren lebt sie in einer Patchworkfamilie, ihr Mann hat zwei Kinder in die Ehe gebracht, die zwischenzeitlich erwachsen sind. Nach ihrer Wahl zur Oberbürgermeisterin sind sie zusammen von Stuttgart nach Kornwestheim gezogen. In einem Einfamilienhaus mit hübschem Garten, in dem sie oft frühmorgens arbeitet, Rosen schneidet oder nach dem Flieder schaut, haben sie ein Zuhause gefunden, das Ursula Keck nicht mehr missen will.