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Das Runde ins Eckige

Ralf Rangnick gehört zu den erfolgreichsten Fußballtrainern in Deutschland. Geprägt hat den Backnanger das Sportstudium an der Uni Stuttgart. „The best days of my life“, sagt er.

Dieses Gesicht kennt man von der Sportschau. Meistens wirkte es ernst, wenn es von den Kameras in den Fußballarenen eingefangen wurde. An diesem Morgen ist das anders. In einem behaglichen Eigenheim streift das Licht des aufziehenden Sommers das Antlitz eines Mannes, der seine persönliche Mitte gefunden hat.

Über dem Sofa in der Wohnstube hängt filigrane Kunst. Auf einem Strich balanciert ein Männchen. Es passt zu Ralf Rangnick, der sich als Trainer auf Grenzgänge versteht und deshalb zu den erfolgreichsten der Branche gehört. Stuttgart, Hannover, Schalke. Deutscher Vizemeister, DFB-Pokalsieger, Champions- League-Halbfinalist. Er ist der Pionier einer neuen Trainergeneration. Unter ihm wurden Viererkette und Pressing in der Bundesliga stadionfähig.

Vor dem Hausherrn steht ein Glas mit Wasser. Es ist nicht halb leer, sondern halb voll. Das war nicht immer so in letzter Zeit. Deshalb hat er sich eine Auszeit genommen in seinem privaten Bullerbü in Backnang, wo er kein Etuimensch sein muss, keine Projektion, kein umtoster Fußballcoach. An diesem Ort ist er der Ralf von nebenan.

Ein bisschen abgenommen hat er in den vergangenen Wochen, dafür aber mental zugelegt. Im Plauderton bewegt sich der Erfolgstrainer durch die Szenerie eines Lebens mit vielen Eckdaten und einer Branchenstatistik: 47,40 Prozent Siege, 22,62 Prozent Unentschieden, 29,98 Prozent Niederlagen.

So wird gerechnet in seinem Sport, mit dem Rangnick, Jahrgang 1958, früh in Berührung kam. Mit sechs Jahren schnürte er zum ersten Mal die Kickstiefel. Von Viktoria Backnang ging es aufs Land nach Unterweissach und irgendwann klopfte der VfB Stuttgart an. Rangnick war fürs defensive Mittelfeld eingeteilt und hatte nicht selten die Aufgabe, den kreativen Kopf der Gegner „aus dem Spiel zu nehmen“.

Schon damals hat er sich an solchen Begriffen gestört, aber sein fußballerisches Werk mit chirurgischer Präzision erledigt. Auf dem Platz stand er mit Ballsportlern wie Hansi Müller und Karl-Heinz Förster, die unter einem unvergessenen Übungsleiter namens Willi Entenmann trainierten, den Rangnick eines Tages um eine kurze Auszeit bat, weil der Vater plötzlich draußen am Spielfeldrand auftauchte und mit einem Zettel wedelte. Es war die Zusage fürs Studium in der Fächerkombination Englisch und Sport an der Universität Stuttgart.

Es gibt Phasen im Leben, in denen man vor Kraft kaum Laufen kann. Bei Ralf Rangnick war es die Studienzeit. Nach der praktischen Prüfung im 1000-Meter-Lauf in Degerloch hastete er zu seinem Auto, bretterte hinunter in die Stadt, um gerade noch rechtzeitig eine schriftliche Prüfung im Lehrsaal der Hochschule zu schreiben. Kaum war diese Mission erledigt, spurtete er direkt ins Fußballtraining. Da blieb zwar nicht viel Freizeit, aber die wollte er ausnutzen. Also machte der studierende Fußballspieler nebenbei die Trainerscheine B und A, die er bereits mit 22 in der Tasche hatte.

Er ging gerne zur Uni. „Wir hatten fantastische Dozenten.“ Einer davon war Rolf Brack, später bekannt geworden als Bundesligatrainer im Handball. Rangnick sog die Einheiten in Trainingslehre regelrecht auf. Er sollte bald davon profitieren. „Durch die gute Ausbildung hatte ich ein so großes Wissen, dass ich bei den Trainerlehrgängen nicht mehr viel lernen musste.“ Mit 25 bestand Ralf Rangnick in Köln als Jahrgangsbester die Prüfung zum Fußballlehrer. Das alles war für ihn kein Stress, sondern Leidenschaft. „Summer of 69“, spielt er im Rückblick grinsend auf einen Hit von Bryan Adams an. „Those were the best days of my life.“

Die besten Tage begannen im Hörsaal und endeten meistens auf dem Fußballplatz. Nach der Vorlesung streifte er das Fußballtrikot über, wechselte von Stuttgart, über Heilbronn zum SSV Ulm 1846. Rangnick war dabei, als die Spatzen den Aufstieg in die zweite Liga schafften. Ein guter Moment, sich zu entscheiden. Auf dem Platz oder daneben? Er hatte das Gefühl, dass es bessere Profis gab als ihn. Also blieb er auf der Uni und engagierte sich nebenbei als Spielertrainer bei Viktoria Backnang, einem Klub, bei dem unter ihm die Betonung auf Viktoria lag. Von der Bezirksliga ging es in die Landesliga und von dort in die Verbandsliga.

Erfolge sprechen sich herum in diesem Geschäft. Rangnick schloss sein Studium ab und arbeitete sich als Trainer nach oben. Er schulte sich als Autodidakt, machte Praktika bei großen Clubs, entwickelte seine eigenen Ideen davon, wie dieses faszinierende Spiel zeitgemäß zu interpretieren ist. „Vieles von dem, was ich an der Uni gelernt habe, half mir dabei“, sagt Rangnick. 1997 übernahm er die Ulmer als Trainer, setzte seine Philosophie um und ermöglichte den Aufstieg. Im verhockten Profibetrieb galt er manchen wegen seines offensiven Fußballs mit ballorientierter Raumdeckung als Revoluzzer, andere bezeichneten ihn als Fußballprofessor, der ausgeklügelte Winkelzüge auf weiße Tafeln pinselt. Heute tun das fast alle Trainer und Ralf Rangnick steht in den Geschichtsbüchern seines Sports als einer, der dem deutschen Fußball zum Modernisierungsschub verhalf. So schnell geht das in einer Branche, die in Punkten denkt. Manche werden nach oben katapultiert. Andere stürzen bitter ab. Rangnick machte Karriere. VfB Stuttgart. Hannover 96. Schalke 04. Dabei blieb er ein Trainer, der nicht anders sein wollte, es aber war. Im Juni 2006 verblüffte er wieder einmal die ganze Liga, indem er seinen Wechsel von Schalke zu einem Regionalligisten namens TSG Hoffenheim bekannt gab. Statt im Giuseppe-Meazza-Stadion vor 80 000 Menschen aufzutreten, wollte er jetzt ein Provinzteam unterweisen, das froh war, wenn ein paar hundert Zaungäste kamen. Viele der Kollegen schüttelten ungläubig den Kopf.

Die Entscheidung hatte mit seiner Frau zu tun und den beiden Söhnen, denen er in einer prägenden Phase ihres Lebens näher sein wollte. Familie ist die Quelle, die ihn speist. Zu tun hatte dieser Wechsel aber auch mit dem Glauben an sich selbst, dem Vertrauen auf eine Vision von modernem Fußball, die er in einem Biotop namens Hoffenheim umsetzen wollte. Die Kicker vom Lande schmolz Rangnick, ein geschickter Alchimist, binnen kürzester Zeit in ein herausragendes Team um. Neue Trainingsmethoden. Psychologischer Rat. Es folgte eines der unglaublichsten Tollstücke im deutschen Fußball. Die Hoffenheimer stiegen bis in die erste Bundesliga auf und brachten es zum Herbstmeister vor den Bayern aus München. Spieler wie Luis Gustavo und Carlos Eduardo, die er verpflichtet hatte, erwiesen sich als Volltreffer. Talente wie Andreas Beck schafften den Sprung in die Nationalmannschaft.

Irgendwann endet jedes Märchen, selbst in Hoffenheim. Wenn die Gesetze des Fußballgeschäfts walten, gibt es kein Halten mehr und manchmal auch kein Maß. Im Grunde geht es nur darum, das Runde ins Eckige zu kriegen, aber wenn dies nicht oft genug passiert, müssen eckige Probleme an runden Tischen gelöst werden. „Der Job eines Trainers ist vergleichbar mit dem eines Topmanagers in der Wirtschaft“, sagt Rangnick. „Nur dass bei uns die Bilanz jedes Wochenende vorgelegt wird und die ist ablesbar an der Tabelle.“

Der Trainer verließ Hoffenheim im Januar 2011 und wechselte im März ins Revier zu den Schalkern, ohne sich lange zu schonen, ohne große Pause, wieder einmal. Irgendwann entkommt man ihr nicht mehr, der Einzelhaft der eigenen Haut. Selbst einem wie ihm sind Grenzen gesetzt. Wieder überraschte er die Branche, diesmal mit wohltuender Offenheit. Nach einem „körperlichen Breakdown“ kündigte er trotz großer Erfolge bei Schalke und zog sich für ein paar Monate in sein Bullerbü zurück. Es hat ihm gut getan. Zu Hause hat er sich entschleunigt, hat manches setzen lassen, hat seine Ernährung umgestellt.

Das Wasserglas ist leer. Im Garten pfeifen die Vögel. Drinnen am Esstisch schnarrt ein Handy. Ralf Rangnick, der Aussteiger auf Zeit, kehrt auf die Bühne Fußball zurück.