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Made in China

Nach einem Studium an der Steinbeis-Hochschule ist die Chinesin Xiaoli Ma in Stuttgart gestrandet. Jetzt rät sie ihren Landsleuten zur Kopie des deutschen Ökolandbaus.

Der Mensch, so hat es der chinesische Philosoph Konfuzius einst gelehrt, hat dreierlei Wege, klug zu handeln: „Erstens durch Nachdenken, das ist der edelste. Durch Erfahrung, das ist der bitterste. Und durch Nachahmung, das ist der leichteste.“ Xiaoli Ma hat, wenn man so will, den dritten Weg eingeschlagen. Leicht gemacht hat sie es sich dabei aber nicht. Ihr Spezialgebiet ist eine besondere Form der Nachahmung, die in ihrem Heimatland überaus beliebt und weit verbreitet ist: das Fälschen und Kopieren, gemeinhin auch Produktpiraterie genannt. „Bei uns“, sagt die 40 Jahre alte Chinesin aus der Millionenmetropole Shenyang, „wird alles gefälscht, worauf sich ein Markenname drucken lässt.“

Die zierliche Frau mit dem energischen Händedruck könnte stundenlang darüber referieren, warum ausgerechnet im Land des roten Drachen allerorten echter Raubbau mit falscher Ware betrieben wird. Weil die Gesetze zu lasch sind, die ausländischer Hersteller zu wenig vertraut mit chinesischen Prinzipien und weil sich damit natürlich viel Geld verdienen lässt. Das ist die weltliche Sicht. Xiaoli Ma hat aber, frei nach Konfuzius, auch eine philosophische Erklärung parat. „Die Chinesen“, sagt sie, „haben eine andere Einstellung zum geistigen Eigentum.“ Dieses gehört in ihrem Land nicht einem Einzelnen, sondern der Gemeinschaft. Soll heißen: Das Fahrrad des Nachbarn zu stehlen ist Diebstahl. Einen beliebigen Stil kopieren zu können, macht einen Maler hingegen zum Künstler. „Kopieren ist in China ein Ausdruck der Anerkennung vor der Leistung eines anderen“, sagt sie. Nicht Unrecht also, sondern Ehrerbietung. Nicht verwerflich, sondern erstrebenswert. Nicht Klau, sondern Kunst.

So viel zur Philosophie. In der Praxis hat Xiaoli Ma den Produktpiraten den Kampf angesagt. Das ist eine ihrer vielen Professionen. Xiaoli Ma kämpft einerseits gegen grassierende Plagiaterie und handelt zugleich selbst mit nachgebauten Motorrädern aus China. Und dann ist da auch noch ihre Leidenschaft für ökologischen Landbau in einer Weltregion, die bisher vor allem durch Umweltsünden aufgefallen ist. Das alles lässt sich für Normalsterbliche nicht leicht unter einen Hut bringen, wenn man nebenbei auch noch Ehefrau und Mutter ist. Xiaoli Ma schafft das scheinbar spielend.

Betriebswirtschaft hat sie studiert an der berühmten Liaoning Universität im Nordosten der Volksrepublik. Danach hat sie ihren Horizont am Nesenbach geweitet und dort am Stuttgarter Institute of Management and Technology (SIMT), das zwischenzeitlich organisatorisch zur Steinbeis-Hochschule Berlin gehört, ihren MBA in Finanzmanagement und Investment gemacht. Dieses Studium hat sie geprägt und ihren Wunsch verstärkt, Brücken zu bauen zwischen China und Deutschland. Es folgten internationale Projekte für Bosch, Daimler und TSystems. Dabei wurde ihr Blick für die andere Seite geschärft, für hiesige Firmen, die erst teure Produkte entwickeln und sie dann als billige Kopie aus China auf dem Markt wieder finden. Alleine in Deutschland gehen dadurch jährlich 70.000 Arbeitsplätze verloren, weltweit wird mit gefälschten Waren im Wert von etwa 200 Milliarden Euro gehandelt. 95 Prozent dessen, was an Plagiaten an europäischen Grenzen entdeckt wird, kommt aus China. So wie Xialoli Ma, die an dieser Statistik etwas ändern will. Sie berät Manager, hält Vorträge und hat in ihrer Zeit bei Chinabrand Consulting, einem Unternehmen, das Firmen vor einem Markteintritt in China betreut, ein dickes Buch über „Piraten, Fälscher und Kopierer“ geschrieben und darüber, wie diese wirksam bekämpft werden können.

Nebenbei hat die geschäftige Chinesin, die seit 2001 in Deutschland lebt, zusammen mit ihrem schwäbischen Mann im Stuttgarter Heusteigviertel einen schwunghaften Motorradhandel angekurbelt. Im Sortiment sind echte Leichtgewichte, der Klassiker unter den kleinen Viertaktern: die Honda Dax. Ganz im Sinne ihres Landsmanns und philosophischen Vordenkers wird die Maschine allerdings nicht im Original ausgeliefert, zumal die Dax längst nicht mehr gebaut wird, sondern als Kopie „Made in China“. Sky Team nennt sich die eigens für den Export entwickelte Marke des chinesischen Herstellers Jiangsu Sacin Motorcycle, vom dem Xiaoli Ma ihre Ware containerweise in ihren Stuttgarter Hinterhof liefern lässt. Streng legal selbstverständlich und mit allen nötigen Papieren. Knapp Tausend solcher Repliken, wie die juristisch korrekte Form der Nachahmung offiziell heißt, sind bereits über ihren Ladentisch gegangen. Der zweirädrige Stadtflitzer ist beliebt, die Nachfrage hoch. In einem Büro unter dem Dach des Hauses, in dem sie mit ihrem viereinhalbjährigen Sohn und ihrem Mann wohnt, kümmern sich zwei Uniabsolventen aus China um die Online-Bestellungen, stellen neue Angebote ins Netz und erledigen sonstige Büroarbeiten. Xiaoli Ma regelt die Geschäfte mit dem Zollamt, hält die Rechnungsbücher in Schwung und fliegt mitunter nach Shanghai, um in den weiten Hallen des chinesischen Motorradkopierers nach neuen Modellen für den deutschen Markt zu suchen.

Im Leben von Xiaoli Ma, das einem langen Fluss mit vielen Seitenarmen gleicht, gibt es aber noch eine Anlegestelle und es ist für sie die wichtigste. Mit dem Geld aus dem Motorradhandel finanziert sich die Chinesin eine ehrgeizige Mission: ökologischen Landbau für China. Über Nacht gekommen ist ihr dieser Traum allerdings nicht. Sie hat ihn erst aufspüren müssen, in weitläufigen Messehallen und Kongresscentern. „Ich bin immer auf der Suche und wollte unbedingt ein neues Projekt anfangen, etwas wirklich Bedeutendes“, sagt sie. Fündig geworden ist sie in der Schweiz am Stand eines Unternehmens, das Produkte für ökologische Landwirtschaft herstellt: biologischen Dünger, Naturheilmittel, Futterzusätze. Seither ist sie fest entschlossen ausgerechnet in China, dem weltweit größten Produzenten und Verbraucher von chemischen Düngemitteln, die Bauern zu ermutigen, auf naturschonende Produktionsmethoden umzusteigen. Auf Antibiotika zu verzichten. Ökolandbau zu betreiben. Sie weiß, dass es auf den Feldern im Reich der Mitte eine Sisyphusarbeit ist, solche Überzeugungsarbeit zu leisten. Dennoch liebt sie dieses Projekt, wie sie sagt. „Da steckt mein ganzes Herzblut drin.“

Vor zwei Jahren hat die Frau aus Shenyang damit begonnen, im Nordosten der Volksrepublik auf 300 Hektar Mais, Bohnen und Reis anbauen zu lassen. Ihr Bruder, der gelernter Maschinenbauer ist, hilft ihr dabei. Um von der chinesischen Regierung eine Genehmigung für den Vertrieb der Produkte zu bekommen, musste sie im Feldversuch nachweisen, dass die Formel „weniger Chemie, mehr Ertrag“ funktioniert. Ein teurer Spaß. Zwischenzeitlich ist der Beweis erbracht, seit dem vergangenen Jahr läuft der Vertrieb. Dazu hat Xiaoli Ma zwei Firmen gegründet, hundert Mitarbeiter engagiert und bisher in zehn Provinzen Vertretungen eröffnet. Sie selbst fährt etliche Wochen im Jahr im Land herum, besucht die Betriebe, hält Vorträge und Schulungen. Im Alltag der Bauern ist es indes häufig noch so, dass die Gülle von den Tieren direkt ins Grundwasser fließt. Gleichzeitig wird säckeweise chemischer Dünger gekauft, um den Mais zu bespritzen. Eine Tortur für Wasser und Boden. „Mit der ökologischen Denkweise ist es nicht weit her“, sagt Xiaoli Ma.

In zwei, vielleicht drei Jahren, so hofft sie, wird ihr Landwirtschaftsprojekt anfangen, Gewinn abzuwerfen. Bis dahin will sie den Vertrieb weiter ausbauen, noch mehr Provinzen erschließen, neue Vertretungen gründen. Bald fliegt Xiaoli Ma wieder nach China zu einer großen Landwirtschaftsmesse, um ihr Netzwerk auszubauen. Sie will auch europäische Technologie nach China schaffen, eine computergesteuerte Schweinemastanlage, die das Futter für die Tiere vollautomatisch dosiert. So sollen nach und nach Musterbetriebe wachsen. „Es muss sich herumsprechen, dass dieser Weg funktioniert“, sagt Xiaoli Ma, die dieses Kapitel in ihrem Leben selbst mit „lebenslange Mission“ überschrieben hat. Sie ist fest entschlossen, die Welt ein wenig umweltverträglicher zu machen, und weiß dabei zumindest prominenten philosophischen Beistand an ihrer Seite. Xiaoli Ma setzt darauf, wie sie sagt, dass es die traditionsbewussten Bauern mit Konfuzius halten – und eines Tages durch Nachahmung klug werden.