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Das grüne Gewissen

Anja Kordowich pflanzt Visionen für die Zukunft. Sie ist die erste Umweltmanagerin der Hochschule Esslingen — und sie hat sich einiges vorgenommen.

Über den braunen Fluten in Klein-Venedig tanzen Prachtflügel-Libellen. Die Luft in Esslingen riecht nach Sommer. Ein Graureiher putzt sein Gefieder, ein Angler geht in den Neckarkanälen auf Karpfen. Einen Steinwurf entfernt plaudern Studenten über ihre nächste Vorlesung. Dort, wo der Pinsel der Natur mit breitem Strich aufgetragen ist, geht Anja Kordowich seit einigen Monaten ihrem Tagwerk nach. Sie ist 27 und eine Art Grüne ohne Parteibuch.

Umweltmanagerin der Esslinger Hochschule nennt sie sich. Eine neue Stelle in Zeiten globaler Erwärmung. Es geht um nachhaltiges Wissen in einer Hochburg der Wissenschaft, auf dass in den Lehrsälen und drum herum nicht nur übers Energiesparen geredet, sondern auch tatsächlich Energie gespart wird. Frau Kordowich ist eine Keimzelle in einem großen Apparat. Wenn man ihn betritt, verändert sich der Ton der eigenen Schritte. Viele sind unterwegs an diesem Ort sich ballender Bildung. 5.600 Studenten in elf Fakultäten. Ingenieurwesen, Betriebswirtschaftslehre, Sozial- und Pflegewissenschaften. zwölf Master- und 23 Bachelor-Studiengänge. 284 Mitarbeiter, 200 Professorinnen und Professoren, 363 Lehrbeauftragte. Allein in der Stadtmitte gibt es 14 Gebäude, das älteste Baujahr 1914. Da ist einiges zu tun für die neue Ökomanagerin. Sie hat sich länger auf diesen Job vorbereitet. In Sillenbuch am Waldrand aufgewachsen, hat Anja Kordowich die Liebe zur Natur mit der Muttermilch aufgesogen. Wenn das Laub im Herbst unter den Füßen knisterte und im Frühling das Leben aus den Baumwipfeln trieb, war das für sie seit je kein langweiliges Ritual, sondern ein faszinierendes Schauspiel, dem sie sich nur schwer entziehen konnte. Vielleicht hat sie deshalb schon früh manches hinterfragt, was anderen allzu selbstverständlich scheint. So jemand zieht seine eigenen Schlüsse aus dem, was um ihn herum passiert.

„Wir leben über unsere Verhältnisse“, sagt Anja Kordowich. „Ich bin mir sicher, dass wir in Zukunft auf einiges verzichten müssen. Es gibt aber etwas, auf das ich nicht verzichten möchte, und das ist eine saubere Umwelt.“ Nach dem Abitur im Jahr 2002 wollte sie nicht weg, sondern bleiben. „Stuttgart ist für mich eine Großstadt mit Lebensqualität“, sagt Anja Kordowich. Hier wollte sie studieren, nirgendwo sonst. Eine bewusste Entscheidung für Stuttgart. „National“, sagt sie, „wird dieser Hochschulstandort unterschätzt.“ Also schrieb sie sich an der Universität Hohenheim im Fach Wirtschaftswissenschaften ein. Anja Kordowich wollte sich Zeit nehmen und die Studienzeit genießen. Zwölf Semester sind es am Ende geworden. Vertieft beschäftigt hat sie sich dabei vor allem mit der jungen Ehe von Ökologie und Ökonomie. „Das kann eine sehr erfolgreiche Verbindung sein, die viel Geld spart“, sagt sie. Die beiden „Ös“ blieben während der gesamten Studienzeit ihr Treibstoff, auch wenn sie selbst von sich sagt, dass auch bei ihr manchmal der Wasserhahn tropft, die Heizung zu lange läuft und das Licht brennt, wenn es nicht sein müsste. Auf ein Auto immerhin verzichtet sie in Stuttgart bewusst und auch Fleisch kommt bei der Hobby-Köchin nicht jeden Tag auf den Tisch.

Grüne Visionen gedeihen auch im Kleinen. Als es an die Diplomarbeit ging, entschied sich Anja Kordowich für ein zukunftsträchtiges Thema: „Ein nachhaltiger Arbeitsplatz – Entwicklung eines Leitfadens für umweltbewusste Arbeitnehmer“. Das 70 Seiten starke Werk handelt von Gewohnheiten, die sich ändern lassen. Muss wirklich jede E-Mail ausgedruckt werden? Ist es nötig, im Büro das Licht brennen zu lassen, wenn die Belegschaft beim Mittagessen ist? Muss der Computerbildschirm wirklich die ganze Nacht im Stand-by-modus bleiben? „Vollkommene Nachhaltigkeit in allen Bereichen zu erwarten, wäre realitätsfern. Trotzdem kann jeder Einzelne einen Beitrag leisten“, heißt es auf der letzten Seite ihrer Diplomarbeit. „Schon kleine Verhaltensänderungen in den privaten und beruflichen Lebensräumen sowie ein bewusster Umgang mit den knappen Ressourcen dieser Erde haben große Wirkung. So kann jeder mit kleinen Schritten einfach die Welt verändern.“

Die Welt verändern, das will auch Anja Kordowich. Als Diplom-Ökonomin verabschiedete sich die Jungakademikerin von der Universität Hohenheim. Mitten in der Wirtschaftskrise schrieb sie ihre ersten Bewerbungen. Fast 30 Stück, und alle kamen zurück. Harte Zeiten. Tagsüber hat sie bei Breuninger in Stuttgart im Büro gejobbt, abends die Computer der Kollegen ausgeschaltet und nachts gehofft, dass sich irgendwann eine Türe auftut. 2009 war plötzlich eine Stelle ausgeschrieben, von der sie geträumt hatte. Ökomanagerin im Wissenschaftsbetrieb! Als erste Hochschule im Land wollen die Esslinger zusammen mit einem Partner aus der Wirtschaft, dem Stuttgarter Projektentwickler Drees & Sommer, ihre Umweltbilanz nachhaltig verbessern. Anja Kordowich bekam den Job. Als akademische Mitarbeiterin ist sie dem Rektor direkt unterstellt. Gemeinsames Ziel ist nicht nur die Zertifizierung nach dem europäischen Öko- Audit, das sich auf Briefbögen gut macht, sondern eine ökologische Strategie für die Hochschule, die regelmäßig von Gutachtern überprüft wird. Schwachstellen sollen ermittelt und neue Wege gesucht werden, um Energie und Ressourcen einzusparen. Die Möglichkeiten reichen vom Umweltpapier im Kopierer über gezielte Schulungen im eigenen Haus bis hin zur kostspieligen Wärmedämmung. Der Prozess wird transparent gestaltet. Ein Umweltausschuss, in dem Studierende, Professoren, Mitarbeiter und das Rektorat vertreten sind, tagt bereits regelmäßig. Angedacht ist zudem ein Webportal, welches den ökologischen Fortschritt für alle nachvollziehbar dokumentiert.

„Esslingen ist unter den Top Ten der deutschen Fachhochschulen“, sagt Anja Kordowich. „Da gibt es viele kluge Köpfe, denen fällt bestimmt noch manches ein.“ Für eine Bachelorarbeit an der Fakultät Versorgungstechnik und Umwelttechnik wurden hochschulweit alle Beteiligten zu diesem Thema befragt. Das Ergebnis lässt hoffen: 59 Prozent der Studenten wären bereit, sich eine Stunde pro Monat in einer Arbeitsgruppe zum Thema Nachhaltigkeit zu engagieren. In vollkommener Harmonie wird das Umdenken nicht vonstatten gehen. Anja Kordowich ist bewusst, dass sie manchmal zum Störfall werden muss, um den Umweltschutz in Lehre und Forschung besser zu verankern. Nicht jeder ist auf Anhieb begeistert, wenn es darum geht, sich selbst zu hinterfragen. „Mit dem Zeigefinger kommt man da nicht weiter“, sagt die Diplom-Ökonomin. „Man muss die Leute ins Boot holen.“

Gesegnet mit fröhlichem Pragmatismus und innerer Überzeugung geht sie es an. Draußen vor ihrem Fenster rauscht das Wasser. Der Angler packt zusammen. Auch Anja Kordowich muss weiter, ein bisschen was tun für die Natur von morgen. „Wir können nicht darauf hinleben, alles zu zerstören“, verabschiedet sich die Umweltmanagerin der Hochschule Esslingen. „We are what we do.“