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Im gestreckten Galopp

Er stammt aus der Lüneburger Heide, wurde in Düsseldorf heimisch und sitzt jetzt an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt fest im Sattel: Dirk Winter, Deutschlands erster Professor für Pferdewirtschaft.

Es hat etwas Neues begonnen, das dem Alten nicht sehr gleicht. „Das macht super viel Spaß“, sagt Dirk Winter, der sich noch immer wärmt am Feuer des beruflichen Wechsels. Hinter ihm liegt das Vertraute, vor ihm liegt unbekanntes Terrain. Mit dem Zaumzeug der Vergangenheit hat er sich eingerichtet in der Gegenwart, um an der Zukunft zu bauen. Ein neuer Ort, eine neue Berufung, ein neuer Studiengang.

Dirk Winter sitzt in einem kleinen Lehrsaal, der einzigartig ist im deutschen Bildungswesen. Der Saal liegt inmitten einer Landschaft, die ihr duftendes Aroma in die Luft schickt. Eine Fliege putzt neben einer Pferdebox geduldig ihren Panzer. Es riecht nach Frühling und ein bisschen auch nach idealen Bedingungen für jene, die in dieser Atmosphäre mit Wissen gedüngt werden. Näher kann man Theorie jedenfalls nicht an Praxis bringen.

Willkommen in der neuen Welt von Dirk Winter, Deutschlands einzigem Professor für Pferdewirtschaft. Er pendelt zwischen der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt in Nürtingen und dem Hofgut Jungborn vor den Toren der Stadt, wo sich in einem pittoresken Versuchsbetrieb alles um Pferde und Reitsport dreht – und selbst ein Hörsaal mit Blick auf eine Koppel voller Probanden nicht fehlt.

Seit Oktober 2010 bringt Dirk Winter den neuen Studiengang Pferdewirtschaft in Nürtingen auf Trab. Die Absolventen bereiten sich unter seiner Regie auf einen viel versprechenden Arbeitsmarkt vor. Mehr als 1,1 Millionen Pferde gibt es in Deutschland. 200.000 Arbeitsplätze hält die Branche vor, die mit einem jährlichen Umsatz von fünf Milliarden Euro aufwartet. Futtermittelindustrie, Anlagenbauer, Touristikbetriebe, Zuchtverbände, Privatgestüte. In Ballungsräumen haben viele Landwirte längst umgestellt auf Pensionspferde. 600 bis 800 Euro sind für die Besitzer der Tiere pro Monat schnell zusammen. Dressurreiter, Springreiter, Westernreiter. „Der Reitsport ist ein Breitensport geworden“, sagt der Professor, der nicht selten auch für Pferdezeitschriften schreibt. 60 solcher Titel erscheinen zwischen Hamburg und München und künden zeilenreich davon, dass der Mensch von heute wieder verstärkt auf die Pferdestärken von gestern setzt.

Hätte ihm vor zwei Jahren jemand die Geschichte von Dirk Winter erzählt, der ausritt, um in einer Hochschule über Pferde zu dozieren, wäre ihm womöglich der Gaul durchgegangen. Geglaubt hätte er’s jedenfalls nicht. In seinem Lebenslauf schien kein Platz für einen neuen Eintrag. Wozu auch?

Dirk Winter wurde 1963 in der Lüneburger Heide geboren. Der Vater arbeitet bei der Landwirtschaftskammer, die Mutter ist Hausfrau. Nebenbei betreibt die Familie einen gepachteten Hof mit Rindern, Schweinen, Hühnern und einer kleinen Hannoveranerzucht. Mit drei Schwestern wächst Dirk Winter in der Idylle auf und turnt schon als Dreikäsehoch auf dem Rücken von Pferden herum.

Im Reitverein Hanstedt wird er ausgebildet, zu Hause reitet er die eigenen Dressurstuten ein, um sie später bei Turnieren zu präsentieren. Nach dem Abitur in Uelzen macht Winter eine landwirtschaftliche Lehre bei einem Pferdezüchter. Danach zieht es ihn in den Hörsaal: Studium der Landwirtschaft an der Georg-August-Universität in Göttingen. In den Semesterferien frönt er seiner Leidenschaft beim Deutschen Akademischen Reiterverband, für den er bei internationalen Turnieren startet. Eine seiner Reisen führt den Dressur- Reiter nach Rhode Island. Die deutschen Studenten gewinnen das Turnier und erhalten eine Urkunde. Sie hängt neben seinem neuen Schreibtisch in Nürtingen. Unterzeichnet ist sie von „George Bush, The White House, Washington.“

Die Reiterei bleibt sein Steckenpferd. Über sie lernt er seine spätere Frau Birgit kennen, mit der er am Ende des Studiums nach Neuseeland aufbricht. An der Massey University in Palmerston North entsteht seine Diplomarbeit über „Stand und Perspektiven neuseeländischer Pferdewirtschaft.“ Seine Promotion verfasst Winter zwei Jahre später am Institut für Tierzucht und Haustiergenetik der Georg- August-Universität Göttingen. Und natürlich, man ahnt es, geht es auch darin um Pferde.

So einer ist gefragt in der Wirtschaft. Dirk Winter landet in Düsseldorf beim größten deutschen Futtermittelhersteller. Er wird Produktmanager für Pferdefutter, später wissenschaftlicher Leiter und Verkaufschef. Die Familie wächst. Finn und Tom bereichern sein Leben, das in geordneten Bahnen verläuft. Winter hat einen guten Job und auch ein bisschen Zeit fürs eigene Pferd. Samba Pa Ti heißt die Hannoveraner Stute, die auf vielen Turnieren beeindruckt.

Es hätte so weitergehen können, wenn ihm nicht eines Tages jemand von dieser Anzeige erzählt hätte. In Nürtingen sollte der Studiengang Pferdewirtschaft aus der Taufe gehoben werden. „Das kommt für mich nicht in Frage“, denkt sich Winter. Er ist jetzt 14 Jahre bei seinem Futtermittelbetrieb. Irgendwie kitzelt es ihn dann doch an den Rezeptoren des Ehrgeizes. Spontan ruft er den Studiendekan Stanislaus von Korn an und verabredet sich mit ihm. Es wird ein Wendepunkt in seinem Leben. „Das war ein tolles Gespräch“, sagt Dirk Winter. „Es hat mich so gepackt, dass ich den Schritt wagte.“ Das ist seine Chance und er weiß, sie kommt nicht wieder.

Ein paar Monate ist das jetzt her. Er wohnt jetzt unter der Woche in Nürtingen, die Familie bleibt im Moment noch in Düsseldorf. In der ersten Zeit war ihm das gar nicht so unrecht. Winter ackerte, na ja, wie ein Pferd. Mit seinen Kollegen baute er den Studiengang auf, zimmerte Module, bastelte an Vorlesungen. „Es geht bei uns nicht um Immenhofromantik“, sagt der Wissenschaftler. Gelehrt wird Pferdezucht, Leistungspsychologie, Personalmanagement, Tierhaltung, Reitsport. Auf dem Versuchsgut geht es um praktische Tierhaltung. Studenten beurteilen Pferde oder testen neue Automaten, die Kraftfutter bekömmlicher portionieren.

Mehr als 400 Studienanfänger haben sich im vorigen Semester beworben – fast ausschließlich Frauen. Sie alle wollen den Bachelor in Pferdewirtschaft. 57 Plätze wurden vergeben, darunter sind drei Männer. „Mädchen entwickeln oft schon in der Jugendzeit eine engere Bindung zum Pferd“, sagt der Professor in bestem Hochdeutsch und jagt seinen Worten ein knitzes Lächeln hinterher.

Er hat sich einiges vorgenommen in Nürtingen, einer Stadt, die ihn für sich gewonnen hat. „Es ist hier beschaulich und weltoffen zugleich – das macht den Reiz aus.“ Sein kleines Büro in der Hochschule liegt nur einen Steinwurf von der Fußgängerzone entfernt. Mitten im Leben ist sein Platz. Landsmannschaftlich gefällt es ihm auch ganz gut. „Es gibt viele Gerüchte über Schwaben“, sagt Dirk Winter. „Sie haben sich nicht bestätigt.“

Der neue Job erfordert gestreckten Galopp. Einen Freundeskreis haben sie gegründet, um den Studiengang zu stärken. Exkursionen sind geplant, die Zusammenarbeit mit dem Landgestüt Marbach soll vertieft werden. Bei alledem bleibt wenig Zeit für die eigene Reiterei. Samba gibt’s folglich nur am Wochenende, wenn der Familienmensch mit dem Zug dreieinhalb Stunden nach Düsseldorf fährt. „Reiten ist ein idealer Sport zum Abschalten“, sagt das Nordlicht, das im Süden landete. „Es funktioniert nur, wenn man alles um sich herum vergisst und sich voll aufs Pferd konzentriert.“ Nichts tut Dirk Winter lieber als das.