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Heute Ball morgen Puck

Kathrin Lehmann studiert Betriebswirtschaft an der AKAD in Stuttgart. Sie tut es aus der Ferne, denn die umtriebige Schweizerin mit Wohnsitz in München spielt Eishockey und Fußball auf Weltniveau.

Der Himmel hängt wie Watte über Oberbayern. Am Stadtrand von Gilching drehen schlaksige Burschen ihre Runden auf dem Sportplatz, während drinnen im Vereinsheim die Stammtischler beim Weizen über die Münchner Bayern granteln, die in diesen Tagen schwindender Zuversicht nicht sind, was sie sein sollten. „Ja mei, der Ribery.“

Kathrin Lehmann ante portas. Ruckartig geht die Türe zur Gaststube auf. Erst kommt der Hund, dann kommt die Frau. Der Golden Retriever namens „Tschutti“ legt sich brav unter die Bank. Frauchen hat viel zu erzählen, das kann dauern. Meistens redet sie über das Runde, das ins Eckige soll. Beides spielt eine wichtige Rolle in ihrem Leben. Der Hund unter dem Tisch mag es ahnen. „Tschutti“ heißt auf Schwyzerdütsch „Fußballer“.

Der Wirt apportiert einen Cappuccino und Kathrin Lehmann erzählt ein bisschen davon, wie es ist, wenn man es mit Hemingway hält: „All I want is everything.“ Für sie scheint das ganz normal: Das eine tun und das andere nicht lassen. Tor hüten im Fußball und Tore schießen im Eishockey. Literaturstudium in München und Betriebswirtschaft in Stuttgart. Was für andere irgendwie nicht passt, bringt Kathrin Lehmann spielend leicht zusammen.

Im Rückblick lässt sich sagen, dass sie schon immer Grenzen gesucht hat, um sie zu verschieben. Geboren 1980, wächst Kathrin Lehmann in Küsnacht bei Zürich auf. Vater Georg und Mutter Margit sind eidgenössische Sportlehrer. Mit ihren beiden älteren Brüdern Markus und Thomas tobt sich Klein-Kathrin in ihrem Biotop aus. Es sind gute Zeiten für die Kinder in ihrem Viertel. Sie werden nicht mit elterlicher Bildungspanik gedüngt, müssen nicht nach der Schule sofort Hausaufgaben machen und anschließend zur Nachhilfe, um beim Turboabitur zu bestehen. Die Kinder von Küsnacht dürfen sich beim Spielen finden, und Kathrin Lehman spielt gerne und oft.

„Wir haben damals nicht viel gebraucht“, sagt sie. Ein Ball, ein Tor, das genügte. „Ka“, wie sie seit der Kindheit gerufen wird, hat keine Angst vor starken Jungs. Das liegt zum einen an den Muskeln der beschützenden Lehmann-Brothers und zum anderen an ihren eigenen. Kathrin ist eine gute Turnerin, eine begabte Fußballerin und auch auf den Kufen weiß sie sich zu behaupten. Ihre Mutter ist Lauftrainerin beim Schlittschuhclub Küsnacht und weil es am Babysitter fehlt, nimmt sie ihre Tochter schon als Winzling mit aufs Eis. Wer so aufwächst, steht fest auf den Beinen. Mit fünf beginnt „Ka“ als Eishockeystürmerin bei den Junioren vom SC Küsnacht. Weil im Sommer der Wintersport gemeinhin pausiert, meldet sie sich mit neun Jahren auch im örtlichen Fußballclub an. Sie ist das einzige Mädchen. Als sie sich bei einem Spiel den Fuß umknickt, stellt sie sich ins Tor und fühlt sich dort auf Anhieb so wohl, dass sie zwischen den Pfosten bleibt.

Mit 14 wird Kathrin Lehmann sowohl in die A-Nationalmannschaft der Eishockeydamen berufen als auch in die U 21 der Fußballfrauen. Nebenbei besucht sie die Kantonsschule Rämibühl in Zürich. Auf die Matura folgt ein Studium der Literaturwissenschaft. Sie schreibt sich an der Universität Potsdam ein, weil das zum sportlichen Programm passt. Kathrin Lehmann spielt mittlerweile als Torhüterin in der 1. Bundesliga, und zwar beim 1. FFC Turbine Potsdam. Sie ist Profi und lebt von ihrem Sport.

Was andere voll und ganz ausfüllt, genügt ihr nicht. Die Fußballtorhüterin Kathrin Lehmann stürmt parallel in der deutschen Eishockeybundesliga für die „Lady Kodiaks“ in Kornwestheim. Es ist der Anfang einer sportlichen Exkursion, die sie an viele Orte bringt. Als Torfrau spielt Kathrin Lehmann für den FC Bayern, für Duisburg und für den schwedischen Club Hammarby IF, um nur einige Stationen zu nennen. Auch durch so manches Eishockeystadion fetzt die Züricherin. Mit der Zeit kommt da einiges zusammen im Trophäenschrank. 31 Länderspiele mit der Schweizer Fußballnationalmannschaft, mehr als 200 A-Länderspiele im Eishockey, über 100 Tore, zweimal Olympia, sechs Weltmeisterschaften.

„Ich liebe es, mich zu messen“, sagt Kathrin Lehmann. In ihrer Heimat kennt sie fast jeder. Einmal wurde sie zur Schweizer Fußballerin des Jahres gekürt und auch im Lexikon der Superlative ist ihr ein Eintrag gewiss. Schuld ist ein historisches Tor in der Zeit, als sie sowohl für Kornwestheim auf dem Eis stand als auch für die Damen vom FC Bayern zwischen den Pfosten. In einer Partie gegen Niederkirchen wurde die Torfrau wegen akuter Personalnot kurzfristig als Stürmerin eingesetzt und versenkte den Ball prompt in den Maschen. Niemand außer ihr hat je in der deutschen Sportgeschichte sowohl in der höchsten Fußball- als auch in der Eishockey-Liga ein Tor erzielt. Der Wirt im Vereinsheim von Gilching bringt den zweiten Cappuccino. Kathrin Lehmann ist mit ihrer Geschichte in der Gegenwart angekommen. Ihre Karriere als Torhüterin hat sie beendet. Dem Fußball bleibt sie als Lehrerin verbunden. Sie trainiert die U 17 vom TSV Gilching-Argelsried. 17 Jungs hören auf ihr Kommando. So ein Amt fordert die ganze Frau. Für Kathrin Lehmann ist dieser Job nicht nach dem Abpfiff beendet. Sie nimmt teil am Leben ihrer Jungs, auf die vieles einprasselt.

In Schwabing hat sie eine Wohnung, in Gilching trainiert sie die Halbwüchsigen, bei den Luchsen vom MEK München hält sie sich fürs Nationalteam im Eishockey fit. Die Luchse sind eine Männermannschaft. Manchmal stehen 72 Kilo Kathrin Lehmann 110 Kilo männliche Muskelmasse gegenüber. Für sie kein Problem: „Richtig geil gecheckt zu werden, gehört in diesem Sport dazu!“

31 Jahre alt ist sie jetzt und damit voll im Saft. Irgendwann aber wird es vorbei sein mit dem Sport. Kathrin Lehmann wäre nicht Kathrin Lehmann, wenn sie auch in der Zeit danach nicht zweigleisig fahren würde. Nachdem sie ihr Studium der Literaturwissenschaften in München mit dem Magister abgeschlossen hat, studiert sie jetzt in Stuttgart Betriebswirtschaft an der AKAD, dem größten privaten Fernhochschulverbund in Deutschland. Mehr als 52.000 Berufstätige haben sich seit 1959 an den Instituten weitergebildet.

Der Abschluss soll nicht nur ihre Visitenkarte schmücken. Die Eidgenössin ist selbständige Unternehmerin, organisiert Fußballcamps und hält Seminare für Führungskräfte. In Stuttgart schärft sie dafür ihr Profil. „Ich bin begeistert von den Dozenten, die den Stoff gut aufbereiten“, sagt sie. Meistens lernt sie nach dem Training. „Man braucht eine gewisse Disziplin, um das Studium zu einem festen Bestandteil des Alltags zu machen.“ Disziplin ist einer wie ihr bestens vertraut. Das Vordiplom hat sie in Stuttgart geschafft. Jetzt fehlen noch sieben Prüfungen. „Das kriege ich auch noch hin“, sagt die Schweizerin. Von der Landeshauptstadt Stuttgart hat sie bisher nicht allzu viel gesehen. Die Präsenzseminare sind meistens samstags, danach geht es gleich wieder zurück in die Sportarenen. Bereut hat sie ihr Pendeln zwischen den Welten bisher nicht. „Ich bin eine Suchende”, sagt sie. „Mich hat man nie ganz.“

Im Vereinsheim von Gilching verabschieden sich die bierseligen Stammtischler. Zum Abendessen wollen sie zu Hause sein. Auch die Trainerin Kathrin Lehmann bricht auf. Sie muss die Umkleidekabine für ihre Jungs aufschließen. „Tschutti“ wedelt mit dem Schwanz. Endlich wieder raus. Wohin die Reise seiner Besitzerin geht, weiß er nicht. Sie weiß es vielleicht selbst nicht. „All I want is everything.“ Kathrin Lehmann nimmt die Leine und stapft hinaus in den Schnee, als wäre sie auf einen Punkt gerichtet, den nur sie alleine kennt.