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Botschafter der Wissenschaft

Der Nobelpreis wirkt nach. Bis heute ist Professor Klaus von Klitzing, Direktor des Max- Planck-Instituts in Stuttgart, ein gefragter Wissenschaftler, der durch die ganze Welt reist.

Seine Spuren sind kaum zu übersehen, weshalb es keinen Fährtenleser braucht, um zu dem prominenten Professor zu finden. „Von-Klitzing-Pfad“ nennt sich die kurze Stichstraße, die direkt hinauf führt zum Stuttgarter Max-Planck-Institut, in dessen Foyer weitere eindeutige Hinweise hängen. Eine leuchtend gelbe Installation schmückt eine Wand, die eine kunstvolle Interpretation einer Versuchsanordnung des visionären Forschers ist. Auf der anderen Seite hängt auf Leinwand und in vielfacher Vergrößerung jene magische Zahl, die den Physiker quasi über Nacht weltberühmt gemacht hat: 25.812,807 Ohm.

Professor Klaus von Klitzing zählt zum illustren Kreis der Nobelpreisträger, was ihn nicht daran hindert, vier Stockwerke hinabzusteigen, um seine Besucher selber abzuholen und in sein Büro zu führen. Auf dem Fensterbrett stehen ein paar weiße Orchideen, zwischen Stapeln von Büchern und Fachmagazinen tickt eine atomgesteuerte Uhr, die das Stichwort liefert: „Der Atomaustieg ist unvernünftig und ideologisch betrieben, ein Stück Realitätsverweigerung“, sagt er. „Die Sonne liefert zwar genug Energie, aber die Forschung braucht Zeit, sie optimal zu nutzen.“ Bis dahin benötige man alle verfügbaren Energieformen. „Sie sind der Wirtschaftsmotor“, betont der Wissenschaftler, der seit 1985 Direktor am Stuttgarter Max-Planck-Institut für Festkörperforschung und gleichzeitig Honorarprofessor der Uni Stuttgart ist.

Seine Meinung zu Themen aller Art ist ungebrochen gefragt, seit er an jenem denkwürdigen 10. Dezember des Jahres 1985 aus der Hand seiner Majestät König Carl Gustav von Schweden die Nobelpreis- Medaille nebst handgemalter Urkunde erhalten hat. Eingeleitet worden war das feierliche Zeremoniell in der Blauen Halle des Stockholmer Konzerthauses mit Richard Wagners Tannhäuser-Arie „Dich, teure Halle, grüße ich wieder“. Ein unvergessenes und beeindruckendes Erlebnis, das auch drei Jahrzehnte später nicht an emotionaler Wirkung verloren hat. „Ich war als Preisträger in Physik der Erste von allen, der aufgerufen wurde“, erzählt der heute 71-jährige Forscher.

Noch dazu war er mit seinen damals 42 Jahren einer der jüngsten Wissenschaftler, die mit einem Nobelpreis bedacht wurden – was ihm seinerzeit auch etwas Angst machte, wie er erzählt. „Ihr altes Leben dauert noch zehn Minuten“, hatte der Anrufer aus Stockholm beim Überbringen der Nachricht zu ihm gesagt. „Dann geben wir ihren Namen der Presse bekannt.“ Genau 11.20 Uhr war es an jenem 16. Oktober 1985, was Klaus von Klitzing auch deshalb noch weiß, weil er die Uhrzeit in ein Buch geschrieben hat, in dem nun die Namen der vielen Gratulanten nachzulesen sind. Chronik eines Nobelpreisträgers.

Im Juni 1943 im heute polnischen Schroda geboren, wuchs Klaus von Klitzing in Oldenburg auf, bevor die Familie, die dem mittelmärkischen Adelsgeschlecht Klitzing entstammt, nach Essen/ Oldenburg zog. Sein Großvater war Posener Generallandschaftsdirektor, sein Vater Oberforstmeister, weshalb es den Jungen oft hinaus zog in die Natur. Sein Taschengeld besserte er sich auf, indem er in rasantem Tempo ausrechnete, wie viel Holz die gefällten Baumstämme bringen und die Aufmaßwerte im Kopf addierte. „Mathematik lag mir schon immer“, sagt der Wissenschaftler, der diese Disziplin eigentlich studieren wollte, sich nach einem „frustrierenden Semester“ dann aber doch für Physik entschied. Sein Studium an der Technischen Universität Braunschweig schloss er im März 1969 ab. An der Julius- Maximilians-Universität in Würzburg schrieb er dann seine Doktorarbeit, 1978 folgte die Habilitation.

Knapp zwei Jahre später machte er dann bereits jene bahnbrechende Entdeckung, die heute auf der ganzen Welt als „Von-Klitzing-Effekt“ bekannt ist. Er forschte zu dieser Zeit als Heisenberg-Stipendiat am deutsch-französischen Hochfeld-Magnetlabor in Grenoble an Silicium-Transistoren für die Mikroelektronik, wobei er vor allen nachts aktiv werden musste. „Ich habe für meine Versuche viel Strom gebraucht, und der ist nachts einiges billiger“, erzählt von Klitzing, der in einer dieser Nächte mit Wein, Käse und Baguette dann plötzlich „etwas Fundamentales“ sah, wie er sagt.

Etwas Weltveränderndes. Es war die Entdeckung eines elektrischen Widerstandes, dessen Wert von der Natur fest vorgegeben ist, was laut Lehrbuch gar nicht sein durfte. Der Forscher hatte damit einen präzisen Standard für das Ohm als Einheit des elektrischen Widerstands gefunden, ein Meilenstein für die Grundlagen der Physik. Mit dieser Von-Klitzing- Konstante können seither elektrische Widerstände mit höchster Präzision hergestellt werden, ähnlich wie die Lichtgeschwindigkeit als Naturkonstante für die exakte Bestimmung eines Meters verwendet wird. Der Widerstand hat den magischen Wert von 25.812,807 Ohm, der seither nicht nur von den Eichämtern auf der ganzen Welt benutzt wird.

„Je planmäßiger die Menschen vorgehen, desto wirksamer vermag sie der Zufall zu treffen.“ Was Friedrich Dürrenmatt einst in seinem Roman „Die Physiker“ schrieb, trifft auf den Physiker von Klitzing vollauf zu, wie er selber sagt: „Man muss zur richtigen Zeit am richtigen Ort das Richtige machen.“ Im Nachhinein seien natürlich viele Zufälle zusammengekommen, betont er. Andererseits hatte er sich die Grundlagen dafür systematisch selber geschaffen indem er etwa als Student in seinen Semesterferien in der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt jobbte. Die Erfahrungen, die er dabei sammelte, hätten ihn prädestiniert für seine Entdeckung, weil sie seinen Blick für das Problem geschärft hätten, sagt der Forscher. „Als ich in meinen Messkurven etwas Anomales gesehen habe, war ich sensibilisiert für solche Fragen und konnte den Durchbruch sehen“, sagt er.

Eine Schreibmaschine an ihrem Klang zu erkennen ist dagegen nicht unbedingt das Fachgebiet, in dem er es zu weltweitem Ruhm bringen würde. Muss es auch nicht. Diese spezielle Aufgabe hatte seinerzeit ein anderer übernommen, als er im Dezember 1986 als einer der prominenten Gäste in der Fernsehshow „Wetten, dass..?“ eingeladen war. Mit der nach ihm benannten Konstante im Fluss der Elektronen war der Forscher über Nacht nicht nur aufgestiegen in den Olymp der Wissenschaften. Auf einmal war der kluge Forscher ein Aushängeschild, mit dem sich jeder schmücken wollte. Im Wettkampf um den ersten deutschen Nobelpreisträger seit 20 Jahren überboten sich das Land Baden-Württemberg und Bayern förmlich mit Offerten. Franz Josef Strauß garantierte ihm in einem Schreiben ein maßgeschneidertes Institut mit einer Ausstattung von 40 Millionen Mark. Aber auch die Schwaben mit Lothar Späth als Ministerpräsidenten ließen sich nicht lumpen, was dem Stuttgarter Max-Planck-Institut nicht nur eine neue Ausstattung für die Labors bescherte, sondern auch ein komfortables Gästehaus für ausländische Wissenschaftler. „Wenn ich mich einmal entschieden habe, dann bleibe ich auch“, sagt der Forscher, der kurz vor dem Ritterschlag von München nach Stuttgart gezogen war und seine Entdeckung auch an einer Außenstelle des Max-Planck-Instituts gemacht hatte.

Die schmucke Villa bei Schloss Solitude, die Späth auch angeboten hatte, lehnte der Wissenschaftler indessen entschieden ab. Stattdessen kaufte er vom Preisgeld in Institutsnähe ein Reihenhaus, in dem zuvor ein gewisser Karlheinz Förster gewohnt hatte, seines Zeichens VfB-Profi. Die Familie, seine Frau und die drei Kinder, aus dem Trubel rauszuhalten, sei ihm stets wichtig gewesen, sagt er. Kein leichtes Unterfangen für jemanden, nach dem sechs Straßen in Deutschland benannt sind. Oder ein Labor in China. Selbst am Geburtskrankenhaus in Schroda hängt eine große Marmortafel zu seinen Ehren.

Dass alle Welt etwas von ihm wollte, alle erdenklichen Fragen an ihn herangetragen wurden, daran hat er sich erst gewöhnen müssen. Andererseits hat er seine Popularität genutzt, um junge Menschen für die Physik zu begeistern. Überall auf der Welt hat er als Botschafter der Naturwissenschaften Vorträge gehalten, was er immer noch tut, wie er sagt: „Ich habe schon Verpflichtungen für 2018 angenommen und bin auch weiterhin der Meinung, dass die Sprache und Denkweise der Naturwissenschaftler eine einmalige Möglichkeit bietet, politische, religiöse und kulturelle Grenzen zu überwinden“.

Sich für etwas einzusetzen ist ihm wichtiger als irgendein Hobby, weshalb er 2005 auch einen Preis für engagierte Lehrer ins Leben gerufen hat, den Klaus-von-Klitzing-Preis. „Lehrer sind die entscheidenden Wegbereiter“, sagt der Nobelpreisträger, der es sich nicht nehmen lässt, seinen Besuch am Ende des Gesprächs auch wieder zum Ausgang zu begleiten. Er habe als Schüler selber erfahren, erzählt er dabei, was ein motivierter Pauker wert ist. In der 8. Klasse hätte er einen guten Physiklehrer bekommen. „Da habe ich einen Sprung von zwei Noten gemacht.“