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Der geerdete Wegbereiter

Eigentlich wollte er Landwirt werden, studierte dann aber lieber Physik und Maschinenbau an der Uni Stuttgart. Jetzt ist Reinhold Geilsdörfer Präsident der Dualen Hochschule Baden-Württemberg.
Man kann sich das Leben auf mancherlei Weise aneignen. Reinhold Geilsdörfer hat es mit innerem Antrieb versucht – und ist damit recht gut gefahren. Vom Jungbauern zum obersten Dienstherrn von 750 Professoren – keine schlechte Karriere. Es ist Vormittag im Präsidium der Dualen Hochschule. Ein hagerer Mann mit Randlosbrille auf der Nase, roter Krawatte am Hals und gebügelter Hose am Bein, setzt sich unaufgeregt in einen Konferenzraum. Ein Ort, an dem er häufiger ist. Eine Bühne, die er nicht gesucht hat. Eher sie ihn.
Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn er damals auf dem elterlichen Hof in Boxberg geblieben wäre. „Es war mein Traum, Bauer zu werden“, erzählt Geilsdörfer, Jahrgang 1950. „Das glaubt mir heute kein Mensch mehr.“ Kühe, Schweine und Dreifelderwirtschaft. Das war die Welt, in der er sich heimisch fühlte und der Kosmos, in dem fast alle seine Freunde lebten. „Du kannst gerne Bauer werden“, befand der Vater, der nie Zeit für Urlaub hatte. „Aber erst lernst du einen Beruf.“
Ein guter Plan für den Sohn, der mit 14 eine Lehre als Kraftfahrzeugmechaniker in einem örtlichen Autohaus begann, das zu seiner Freude auch Landmaschinen reparierte. Irgendwann in dieser Zeit traf der Halbwüchsige auf einen klugen Lehrer, der sein Talent erkannte. „Junge, mach was aus dir!“. Reinhold Richard Geilsdörfer vernahm den Rat, begab sich auf den zweiten Bildungsweg, legte am Ende das Abitur in Stuttgart ab. In jeder freien Minute ackerte er auf dem Hof. „Hast ja in der Schule ausruhen können“, hieß es zu Hause.
Manche würden das als Zumutung betrachten, er hält es im Rückblick eher humorvoll mit dem französische Philosophen Michel de Montaigne, von welchem der Satz stammt: „Mein Leben war voller fürchterlicher Unglücke, von denen die meisten nicht eingetroffen sind.“ Geilsdörfer ließ die Kirche im Dorf und überwand auf seine Art den Provinzialismus, den er gar nicht als solchen empfand. Der Hof, den es heute noch gibt, wurde irgendwann aufgegeben, das Vieh verkauft. Keine leichte Entscheidung, aber sein Weg führt weg von der ländlichen Weite Boxbergs. In Stuttgart nahm er sich eine kleine Bude, studierte Physik und Maschinenbau an der Universität. „Beides hat mir unheimlich viel gebracht“, sagt er. „An der Uni habe ich nicht nur gelernt, Probleme abstrakt anzugehen, sondern sie auch mit einem übergreifenden Ansatz zu lösen.“
Gelegentlich jobbte der Bauernsohn bei einer Autofirma am Band. „Da habe ich gesehen, was es heißt, 44 Stunden zu arbeiten. Das hat meine Motivation beflügelt.“ Schon damals war er keiner, der sich ins Gedankengefängnis sperren ließ. Geilsdörfer lernte gerne und er lernte schnell. Es konnte ihm gar nicht fix genug damit gehen, sein Leben zu gestalten. Nach siebeneinhalb Semestern war er nicht nur mit dem Studium fertig, sondern auch noch verheiratet und Vater einer Tochter. Als frischgebackener Ingenieur, heuerte der Boxberger im baden-württembergischen Umweltministerium an, wo es eine Abteilung für Sicherheit in der Kerntechnik gab. „Da war man in vordersten Reihe der Technologie-Entwicklung.“ Nebenbei dozierte er an der Heilbronner Fachhochschule über Informatik. Das hatte sich so ergeben, weil er schon immer gerne den Blick nach vorne richtete.
Menschen von diesem Schlag bleiben für gewöhnlich nicht stehen. Geilsdörfer arbeitete fünf Jahre in Stuttgarter Ministerien, ehe er sich einer jungen Bewegung anschloss, auf die damals keiner gewettet hätte, jedenfalls nicht hoch. Der Ingenieur wechselte zur gerade geründeten Berufsakademie in Mosbach. „Das geht doch gar nicht, in einer Stadt mit 25.000 Einwohnern“, unkten Kritiker. Geilsdörfer ließ sich davon nicht beirren. Die Gründer fingen klein an, erbettelten Tische beim Landkreis und bauten mit Bedacht ein duales Studium in der Fachrichtung Industrie auf. In Mosbach fand der Rastlose eine Berufung. Aus 18 Studierenden im Jahr 1980 sind heute mehr als 3.600 geworden, die ihr duales Studium am Standort Mosbach und in Bad Mergentheim absolvieren. Unterstützt von mehr als 1.100 Partnerunternehmen bereiten sie sich auf ihr Berufsleben vor.
„Mosbach war ein enormer Glücksfall für mich“, erzählt der Professor. „Wir konnten diesen Standort entwickeln.“ Er ist heute nach Stuttgart und Mannheim der drittgrößte. 2005 übernahm Geilsdörfer die Leitung der Mosbacher Berufsakademie, 2006 wurde er Vorsitzender der Rektorenkonferenz der Berufsakademie, 2009 verschmolzen die Berufsakademien zur Dualen Hochschule Baden-Württemberg, 2011 wurde er deren Präsident.
Wer sich auf das Dualitätsprinzip im Hochschulstudium einlässt, den erwartet weniger die Masse als die Klasse: Im Schnitt büffeln 30 Studierende eines Studiengangs im Kursverband vom ersten bis zum sechsten Semester zusammen; Wissensblöcke und praktische Übungen werden im Unterricht kombiniert. Wenn das duale Studieren, bei dem das Lernen zu gleichen Teilen an der Hochschule und in einem Betrieb oder einer Sozialeinrichtung stattfindet, eine baden-württembergische Erfolgsgeschichte ist, dann ist Geilsdörfer ein Teil davon. „Mein Fokus lag immer darauf, Teams zu formen und anzuleiten“, sagt er bescheiden.
Was vor 40 Jahren in Stuttgart und Mannheim mit 164 Studenten unter dem Pioniergeist der Gründungsunternehmen Daimler, Bosch und Standard Elektrik Lorenz startete, die sich für eine deutschlandweit einzigartige Verzahnung von Theorie und Praxis stark machten, ist heute die größte Hochschule Baden-Württembergs geworden. Neun Studienstandorte und drei Außenstellen, 34.000 Studierende, 9.000 Partnerunternehmen, 1.800 Mitarbeiter, 6.000 nebenberufliche Dozenten, 140.0000 Alumni. Viele der Absolventen besetzen heute Schlüsselpositionen in führenden Wirtschaftsunternehmen und sozialen Einrichtungen.
Geilsdörfer gehen diese Zahlen leicht über die Lippen. Entwicklung ist etwas, das er mag. Er ist gerne auf neuen Pfaden unterwegs, solchen, die noch nirgendwo verzeichnet sind. Und er mag es, mit Menschen zu tun zu haben, sie zu inspirieren und sie an den Rezeptoren ihres Ehrgeizes zu kitzeln. Das macht er auf seine Weise. „Zu einer Führungspersönlichkeit gehört immer auch Demut“, sagt der Professor, der nicht vergessen hat, wo seine Wurzeln sind. Vielleicht kann er es deshalb überhaupt nicht leiden, wenn Menschen in seinem Umfeld auf andere herabschauen. „Für mich ist ein Hausmeister genau so wertvoll wie ein Prorektor“, sagt der DHBW-Präsident. „Man bekommt Autorität nicht durch Macht, sondern Macht durch Autorität.“
So denkt man, wenn man Reinhold Geilsdörfer heißt, Dinge voranbringen will und entschieden mehr dem Tätigen zuneigt als dem Untätigen. Fast 65 ist er jetzt und Großvater – und bei alledem kein bisschen müde, was auch daran liegen mag, dass er drei Mal pro Woche abends nach neun Laufen geht. 1.000 Kilometer spult er pro Jahr herunter. Das braucht er für seinen Job, in dem es nicht an bewegenden Aufgaben fehlt. Die Personalvorstände der wichtigsten Unternehmen gehen bei ihm aus und ein. Auf diese Weise behält er das Ohr auf der Schiene. „Die Firmen wollen aktuell mehr ausländische Mitarbeiter einstellen, weil sie ihre Geschäfte verstärkt auch im Ausland machen“, sagt Geilsdörfer. Darauf gilt es zu reagieren. „Wir müssen uns anstrengen, die besten jungen Menschen ins System zu kriegen“, mahnt der Hochschulmanager. Das ist gar nicht so leicht. Fast 20 Prozent der von den Unternehmen angebotenen Plätze in den Ingenieurwissenschaften sind nicht besetzt.
Geilsdörfer nippt an seinem Wasser. Draußen auf dem Gang huschen Mitarbeiter vorbei, die einen Karton ins Zimmer nebenan stellen. Alles ist in Bewegung im Präsidium. Das gefällt dem Chef. Über die letzten zwei Jahrzehnte ist die Duale Hochschule Baden-Württemberg im Schnitt pro Jahr um sieben Prozent gewachsen. „Was mich inspiriert, ist das Wachstum“, sagt er. „Die Kurve zeigte immer nach oben in dieser Einrichtung.“ Wenn es nach ihm geht, darf es gerne so weiter gehen. Die Weichen dafür sind gestellt. Es gibt neue Masterstudiengänge und auch der Gesundheitsbereich wächst. Zeit zum Aufbruch. Der Präsident will nicht mehr reden, lieber gestalten. „Es ist gut, gab es für mich nie“, sagt Reinhold Geilsdörfer zum Abschied. „Ich bin keiner, der bequem ist – auch zu mir selbst nicht.“