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Der Astronaut mit Bodenhaftung

Er ist ein Kosmopolit der Wissenschaft und ein Leuchtturm der Hochschulregion: Ernst Messerschmid, Professor für Astronautik und erster Baden- Württemberger im Weltraum.

Es gibt Bilder, die vergisst man nicht. Sie haften im Gedächtnis wie Kaugummi an den Schuhen. Ernst Messerschmid kennt solche Bilder. Manchmal kramt er sie hervor aus den Weiten seiner Erinnerung. Sie zeigen das verzaubernde Türkis der Bahamas, das nächtliche Leuchten von Barcelona, Rauchsäulen über brasilianischen Wäldern und Dunstglocken über Mexico City. Abgespeichert hat er sie vor langer Zeit. Messerschmid war damals der erste Baden-Württemberger im All und blickte von einem winzigen Weltraumlabor aus 324 Kilometern Höhe auf den Blauen Planeten unter ihm. „Herrgott noch mal, da ist eine kleine Erde. Man muss auf sie aufpassen.“ Diesen Gedanken hat er in jenem Augenblick konserviert. Er begleitet ihn bis heute.

Ein Vierteljahrhundert später sitzt der Astronaut an einem braunen Schreibtisch am Pfaffenwaldring und redet über seinen persönlichen Countdown. 65 Jahre alt ist Ernst Messerschmid jetzt, sein letztes Semester als Universitätsprofessor. Noch zwei Jahre will er dranhängen, um sich um seine Doktoranden zu kümmern und um seine Leidenschaft, die bemannte Raumfahrt. Dann ist Schluss mit einer Karriere, die ihresgleichen sucht. Dass Ernst Willi Messerschmid beruflich hoch hinaus kommen würde, war ihm nicht an der Wiege gesungen. Wäre es nach seinem Vater gegangen, hätte sich der Handwerkersohn eher mit gefliesten Raumstationen befasst, in die jeder muss, wenn ihn allzu irdische Bedürfnisse plagen. Seine Eltern hatten einen Handwerksbetrieb, der älteste Sohn sollte ihn später einmal übernehmen. Nach der Volksschule machte Ernst Messerschmid eine Lehre als Klempner und Installateur. Er war damals ein guter Turner, und vielleicht hat ihn dies im Wunsch beflügelt, sich eines Tages aus der Umarmung der Schwerelosigkeit zu lösen. Auf dem Weg dorthin übersprang Messerschmid nach seiner Gesellenprüfung die Hürden des zweiten Bildungswegs und bestand als Klassenbester das Abitur an der Technischen Oberschule. Dem elterlichen Betrieb sagte er Lebewohl und studierte Physik an den Universitäten in Tübingen und Bonn. Sein jüngerer Bruder Hans wurde zur Freude des Vaters an seiner Stelle zum Juniorchef. Es sei nur am Rande erwähnt, dass die väterliche Freude nicht allzu lange währte. Auch der kleine Bruder schlug nach der Lehre eine akademische Laufbahn ein. Er ist heute Professor an der Hochschule in Esslingen.

Ernst Messerschmid landete im europäischen Kernforschungszentrum CERN, wurde Assistent an der Freiburger Universität und Forscher am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Das für ehrgeizige Wissenschaftler typische Leben als Vagabund mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von vier Kilometern pro Tag erschien ihm irgendwann ein bisschen zu langsam. Also nahm er sich vor, das persönliche Tempo auf acht Kilometer pro Sekunde zu steigern – und bewarb sich als Wissenschaftsastronaut für die Spacelab-Mission D-1. Im Oktober 1985 war es soweit. Ernst Willi Messerschmid wurde der dritte Deutsche im Weltall nach Sigmund Jähn und Ulf Merbold. Die Tage vor dem Himmelfahrtskommando wohnte er in einem kleinen Blockhaus am Kennedy Space Center. Von dort aus konnte man das von der Abendsonne beleuchtete Shuttle sehen, in dem immer auch das Risiko wohnt, wenn es startet. Messerschmids Frau Gudrun, einst Lehrerin am Göppinger Freihofgymnasium, saß mit ihm neben der Hütte am Abend vor dem Abschied. „Da kommen einem schon ein paar ruhige Gedanken.“

An Bord der US-Raumfähre Challenger beteiligte sich der Reutlinger nicht nur an 76 Experimenten, sondern kümmerte sich während der sieben Tage dauernden Mission auch um Lüftungen und Installationen, wobei ihm seine Kenntnisse als Handwerker durchaus nützlich waren. „Ein Drittel unserer Zeit haben wir repariert“, sagt der Wissenschaftler, der in seinen freien Stunden an Bord auch ein ganz persönliches Experiment im erdnahen Weltraum startete. „Welcher meiner Lieblingskomponisten hat für die Schwerelosigkeit komponiert?“, lautete die Frage. „Mozart“, war die Antwort nach dem Selbstversuch. „Seine Musik ist wie geschaffen für Menschen, die schweben.“ Den schönsten Blick der Welt, den auf die Erde, hat er ebenso mitgenommen wie konkrete Ergebnisse für die Wissenschaft und eine persönliche Erkenntnis, nämlich jene, dass es ein Mensch weit bringen kann, wenn er nur will und ihn das Glück dabei nicht verlässt. Drei Monate nach Messerschmids Reise explodierte die Challenger nach dem Start. Sieben Astronauten kamen dabei ums Leben. Er kannte sie alle. Alles hat seine Zeit im Leben.

Nach der Spacelab- Mission verwandelte sich der Astronaut in einen Professor, welcher 1986 im Hörsaal am Pfaffenwaldring in Stuttgart-Vaihingen seine Antrittsvorlesung hielt. Messerschmid wurde Direktor des Instituts für Raumfahrtsysteme (IRS) der Universität Stuttgart, einer Fakultät mit 1.600 Studenten. „Hier will ich bis zu meiner Pensionierung bleiben“, sagte er damals, gerade 41 geworden. Er blieb sich auch in dieser Frage treu. Wenn einer von solchem Schlage bereits im Schwabenalter den Höhepunkt der Karriere erreicht hat, lässt das einiges erwarten. Der Physiker verstand es, seinen Bekanntheitsgrad als Astronaut mit solider wissenschaftlicher Aufbauleistung zu verbinden, er forschte, unterrichtete und publizierte. Elf Lehrbücher sind es bis heute, zehn Patente und mehr als 200 Veröffentlichungen. Gibt man seinen Namen in die Internet-Suchmaschine ein, spuckt sie mehr als 52.000 Treffer aus. Abgesehen von einer fünfjährigen Auszeit, die sich Messerschmid nahm, um das europäische Astronautenzentrum ESA in Köln zu leiten, lebte er beruflich für die Stuttgarter Hochschule. Dort werden seit 1955 Luft- und Raumfahrtingenieure ausgebildet, die nicht nur neue Flugzeuge entwickeln, Satelliten und deren Trägersysteme, sondern auch in der Autoindustrie äußerst gefragt sind. Gefragt ist auch der Professor.

Seit einigen Jahren ist er Vorstandsmitglied im Innovationsrat des Landes und damit ein Öffentlichkeitsarbeiter für den Hochschulstandort. Man muss ihm nur ein Stichwort wie ein Streichholz hinhalten und schon brennt er ein Feuerwerk der Fakten über die führende Technologieregion ab. „Wir sind das Raumfahrtland Nummer eins. Vierzig Prozent aller Arbeitsplätze sind hier angesiedelt. Der Aufwand für Forschung und Entwicklung liegt in Deutschland bei 2,6 Prozent, in der Europäischen Union bei 1,8 Prozent und in Baden-Württemberg bei 4,4 Prozent.“ Er wohnt noch immer in Reutlingen und in gewisser Weise ist der gelernte Flaschner Ernst Messerschmid ein Montagearbeiter geblieben. Er baute mit an der Zukunft der Raumfahrt, die ihn bewegt wie am ersten Tag.

In seinem Büro hängt ein blauer Pilotenoverall, draußen steht ein Modell der Columbia so nahe an seiner Türe, dass es manchmal durch Besucherkollisionen abstürzt. Die bemannte Raumfahrt wird ohne ihn zu neuen Zielen aufbrechen. Der Fahrplan steht. In vierfacher Mondentfernung, 1,5 Millionen Kilometer von der Erde entfernt, sollen in absehbarer Zeit Großteleskope repariert werden. Drei bis vier Monate kann das dauern. Im nächsten Schritt geht es zu erdnahen Asteroiden und 2035 vielleicht zum Mars. Zwei Jahre werden die Astronauten der Zukunft für eine solche Mission unterwegs sein. Manchmal wacht der Professor morgens auf und stellt sich vor, wie es wäre, wenn draußen vor der Türe jemand stünde und darauf wartete, ihm eine Frage zu stellen: „Wollen Sie noch mal mitfliegen?“ Er müsste nicht lange überlegen. „Ich würde es wieder tun“, sagt Ernst Messerschmid, der Astronaut. „Der Weltraum lässt mich nicht mehr los.“