Wissenschaft
und
Hochschulen
Übersicht
Hochschul- und Wissenschaftsregion Stuttgart
 
Studenten-
ansichten
Über uns
Kontakt
 
Naturwissen-
schaften
Wirtschaft
Finanzen
Management
Kunst
Medien
Musik
Technik
IT-Wesen
Architektur
Bauwesen
Pädagogik
Sozialwesen
 
 
die welt verändern. No11 Magazin ansehen »

Naturwissenschaften

Portraits mehr »

exemplarische Studienangebote mehr »

Hochschulen mehr »

Feldversuch für die Erde

Landwirtschaft spielt sich nicht nur auf Äckern ab. Regina Birner, weitgereiste Professorin der Uni Hohenheim, weiß das wie kaum eine andere. Die Welt von morgen zu ernähren ist ihre Mission.

Manchmal bekommt ein Leben eine Richtung, weil es nach Landluft riecht und ein Bauer nebenan das Heu einfährt. Wenn die Dinge ihren Lauf nehmen, kann es passieren, dass aus einer solchen Prägung eine Saat entsteht, die Früchte trägt und dazu führt, dass aus einem Mädchen vom Lande eine Wissenschaftlerin von Rang wird, die nicht weniger im Sinn hat als die Wertschöpfungskette zu verändern, auf dass die wachsende Weltbevölkerung ernährt werden kann, ohne den Planeten nachhaltig zu verhunzen.

Es ist Vormittag in der Uni Hohenheim. Vor dem Fenster zieht ein Traktor tiefe Furchen auf den Versuchsfeldern der Hochschule. Die Professorin Regina Birner, 48, sitzt in ihrem Büro am Plieninger Wollgrasweg, von dem sie einen Blick aufs Landwirtschaftsmuseum hat. Agrargeschichte, verdichtet wie so manche Böden, die pro Quadratmeter immer mehr Erträge liefern müssen, damit sich das Geschäft mit der Scholle noch lohnt. Es ist viel passiert im bäuerlichen Kosmos, der sich stetig wandelt, seit König Wilhelm I. von Württemberg anno 1818 in Hohenheim eine kleine landwirtschaftliche Versuchsanstalt gegründet hat, aus welcher eine große Universität erwachsen ist.

Vergangenheit wirkt in die Gegenwart, weil man sich auf sie bezieht. In besonderem Maße gilt das für die Vergangenheit von Regina Birner, deren Faible für die Landwirtschaft einst im bayerischen Siegertsbrunn mit der Heuernte begann. Seit vier Jahren ist die Agrarexpertin jetzt im schwäbischen Hohenheim, wo sie sich mit Strategien zur globalen Ernährungssicherung beschäftigt. Das geht nur gemeinsam und grenzübergreifend. Zwölf Doktoranden hat sie in diesen Tagen. Die Jungforscher stammen aus Kenia, Uganda, Usbekistan, Indien oder Äthiopien. Nur zwei davon sind Deutsche.

„In der Forschung kann man viel machen“, sagt Regina Birner. „Noch mehr aber lässt sich durch Ausbildung bewegen.“ Es gibt Handlungsbedarf und angesichts der Brisanz des Themas auch mancherlei Fördermittel. Das Geld ist vor allem langfristig gut angelegt, wie ein chinesisches Sprichwort nahe legt: „Planst du für ein Jahr, so säe Reis. Planst du für zehn Jahre, so pflanze Bäume. Planst du für ein ganzes Leben, so erziehe einen Menschen.“

Die Dinge zum Bessern verändern, das ist es, was Regina Birner in Forschung und Lehre will. Dieses Gen hat sich früh offenbart. Regina Birner kommt 1965 in Bayern umgeben von Dunst der Landwirtschaft zur Welt. In der Katholischen Landjugendbewegung beschäftigt sie sich mit Entwicklungshilfe. Es geht um Gerechtigkeit und darum, Menschen in weniger begüterten Regionen zu helfen. „Ich habe Brote nach der Kirche verkauft“, sagt sie, „und mich im Dritte-Welt-Laden eingebracht.“

Getrieben von fröhlichem Erlebnishunger macht sie eine Lehre in der Landwirtschaft, wovon neben mancherlei praktischer Erfahrung auch eine Urkunde geblieben ist, die ihr bescheinigt, das Kreiswettpflügen gewonnen zu haben. 1986 beginnt sie ihr Studium der Agrarwissenschaften an der Technischen Universität München. Von dort geht es an die Universität nach Göttingen, die einen Schwerpunkt hat, der Regina Birner reizt: „Landwirtschaft in Entwicklungsländern“. Sie promoviert und habilitiert, und sie reist für ihre Projekte um die halbe Welt. Indonesien, Thailand, Vietnam, Guatemala, Malaysia. „Wenn man forscht, muss man offen sein für Neues“, sagt sie. Im Jahr 2004 steigt die Forscherin ins Flugzeug nach Washington. Praxis kann sie, jetzt will sie an die politischen Strukturen. Regina Birner leitet ein Forschungsprogramm am International Food Policy Research Institute. Es geht um Agrarpolitik und darum, wie sie sich zum Wohle der Allgemeinheit verbessern lässt. Weltweit wächst die Bevölkerung, wobei vor allem die asymmetrische Verteilung der demografischen Ballungsräume und Ressourcen Anlass zur Sorge gibt. „In Amerika habe ich eine globale Perspektive auf die Welternährung bekommen“, sagt sie.

Die Deutsche arbeitet mit der Welternährungsorganisation zusammen und wirkt als Autorin mit am 2008 veröffentlichten Weltentwicklungsbericht der Weltbank über die globalen Perspektiven der Landwirtschaft. Auch ihre ganz private Entwicklung nimmt in Washington Konturen an. Beim Tangotanzen lernt sie den Mann fürs Leben kennen, der sie zwei Jahre später nach Hohenheim begleitet, wo sie dem Ruf einer Universität folgt, die Großes im Sinn hat und dafür eine wie Regina Birner braucht. Die Hochschule richtet sich neu aus, indem sie sich zur Bioökonomie bekennt. Der sperrige Begriff beschreibt eine Vision, die sich insbesondere das grün-rot regierte Land Baden- Württemberg auf die Fahnen geschrieben hat. Dahinter verbirgt sich die Abkehr von der bisherigen Wirtschaftsweise, die vor allem auf Erdöl und anderen fossilen Rohstoffen beruht. Als Ziel definiert die Bioökonomie einen neuen Wirtschaftsansatz, der diese Rohstoffe soweit als möglich durch Materialien ersetzt, welche durch lebende Organismen wie Pflanzen und Mikroorganismen produziert werden. Gleichzeitig erhebt die Bioökonomie den hehren Anspruch nachhaltig zu produzieren, Gesundheit und Ernährung der Weltbevölkerung zu sichern und ein besonderes Augenmerk auf den Klimaschutz zu richten.

Regina Birner ist dafür eine gute Besetzung, nicht nur, weil sie auf ihren Reisen als moderne Nomadin der Wissenschaft viel gesehen hat und seit mehr als 20 Jahren in der entwicklungsorientierten Agrarforschung tätig ist, sondern auch, weil sie seit zwei Jahren dem Bioökonomierat des Bundesministeriums für Bildung und Forschung angehört. Die Hohenheimer Lehrstuhlinhaberin gehört zu insgesamt 18 berufenen Experten. Sie berät die Bundesregierung dabei, wie man weg vom Öl und hin zu Rohstoffen aus biologischen Ressourcen kommen kann. Irgendwann werden die alten Quellen nicht mehr sprudeln. Spätestens dann wird der Handlungsdruck immens.

Man kann sich das vorstellen wie bei einem Puzzle, das durch viele Hände geht, aber wenn sich keiner vornimmt, es zu vollenden, wird es auf ewig Stückwerk bleiben. Regina Birner will es mit der Uni Hohenheim angehen, die ab Herbst 2014 den von allen drei Fakultäten getragenen Master- Studiengang Bioökonomie startet, der in dieser Form als einzigartig in Europa gilt. „Wichtig ist, dass man eine Vision hat“, sagt die Professorin. „Wir sind Teil einer Bewegung, die auf ein neues Wirtschaftssystem hinarbeitet.“ Neben der Türe in ihrem Büro hängt ein Poster, das ein menschliches Auge zeigt, deren Iris aus einer grünen Weltkugel besteht. Sie glaubt an die Botschaft, die damit einhergeht und lässt sich nicht entmutigen von der in diesen Breitengraden verbreiteten „Geht-nicht-Aura“. Bioökonomie geht letztlich alle an – die Nahrungsmittelindustrie aber auch Teile der Chemie-, Energie-, Pharmazie-, Kosmetik- und Textilindustrie. Und natürlich den gesamten Bereich der regenerativen Energiewirtschaft, der auf Produzenten organischer Substanzen angewiesen ist. „Wir müssen die Gesellschaft so steuern, dass wir am Ende zu einem neuen Wirtschaften kommen, ohne den Wohlstand zu gefährden“, sagt Regina Birner.

Erste Anzeichen wertet sie als durchaus ermutigend. Der Anstieg im Bereich des fairen Handels und auch, dass immer mehr Menschen bereit sind, für ökologische Lebensmittel aus der eigenen Region tiefer in den Geldbeutel zu greifen. „In diesem Thema ist unheimlich viel Bewegung.“

Es gibt Wissenschaftler, die sich bevorzugt im Labor aufhalten, andere befassen sich vorwiegend mit theoretischen Modellen. Regina Birner studiert das Leben gerne draußen, dort, wo es pulsiert. Da kriegt man einiges mit vom wirklichen Alltag gewöhnlicher Menschen und davon, dass es keine einfachen Antworten auf komplexe Systemfragen gibt. Stärke und Zucker als Rohstoff für Bioplastik, Enzyme in Waschmitteln, die den Verbrauch reduzieren, neue Energiepflanzen – all das sind Puzzleteile im großen Ganzen, an dem auch die Uni Hohenheim mitwirkt, indem sie die nötigen Fachleute für den Umbau zum biobasierten Wirtschaftssystem ausbildet. Eine bessere Botschafterin als Regina Birner könnte sich die Hochschule nicht wünschen. Sie brennt seit Kindertagen für dieses Thema. „Ich betrachte es als ein Privileg“, sagt sie zum Abschied, „selbstbestimmt machen zu können, was ich schon immer machen wollte.“