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Eine Forscherin auf dem Olymp

Worte sind mehr als Schall und Rauch. Artemis Alexiadou kann das bestätigen. Die Linguistin der Uni Stuttgart hat für ihre Forschungen den hochdotierten Leibniz-Preis erhalten.

Die Spurensuche führt auf den Olymp, den höchsten Berg Griechenlands, auf dem der Legende nach dereinst die Götter residierten. Zwölf kongeniale Herrscher über Himmel, Erde und Elemente, zu deren Kreis auch Artemis zählt, jene berühmte Göttin der Jagd, der die griechische Mythologie einen silbernen Bogen und goldene Pfeile verliehen hat. Mit derartigen Utensilien kann Artemis Alexiadou im Allgemeinen zwar nicht dienen, aber auf ihre Weise ist sie auch im Olymp angekommen, gleich jener Fabelfrau, deren Namen sie geerbt hat. „Ich kann immer noch kaum glauben, was passiert ist“, sagt die Professorin der Universität Stuttgart, die am Institut für Linguistik die Anglistik-Abteilung leitet.

Es war ein fabelhafter Tag für die gebürtige Griechin und sie kann heute noch spüren, wie die Zeit plötzlich stillstand, als sie während der Sprechstunde in ihrem Büro im vierten Stock der Stuttgarter Universität unvermittelt angerufen wurde. Am Telefon war eine Frau der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), die ihr mal eben so nebenbei erklärte, dass sie den Leibniz-Preis erhält, den wichtigsten und höchstdotierten Forschungspreis also, den es hierzulande zu vergeben gibt, den „deutschen Nobelpreis“. Was für eine Nachricht!

„Ich konnte erst mal gar nichts sagen“, beschreibt sie im Rückblick einen Moment, der sich fest in ihrem Gedächtnis eingenistet hat. Wirklich glauben konnte die Sprachforscherin der Botschaft erst, nachdem diese wenig später auch noch per EMail bei ihr angekommen war und sie in Ruhe lesen konnte, was noch immer so fremd in ihren Ohren klang: Leibniz-Preisträgerin. „Ein unbeschreibliches Gefühl. Man kann keine größere Anerkennung für seine Arbeit bekommen“, sagt Artemis Alexiadou, die nun mit ihren 45 Jahren zum erlauchten Kreis jener elf Forscher gehört, die in diesem Jahr die allerhöchsten Weihen erhalten haben.

Citius, altius, fortius. Artemis Alexiadou hat schon immer ein etwas schnelleres Tempo vorgelegt als die meisten anderen. Bereits vor zwölf Jahren, im Alter von damals 32, wurde sie als jüngste Professorin an die Uni Stuttgart berufen, an der sie zu Beginn allerdings nicht immer den einfachsten Stand hatte. An der eher technisch ausgerichteten Hochschule musste sie sich zunächst auch als „interdisziplinäre Netzwerkerin“ beweisen, wie sie sagt, als Brückenbauerin zwischen Ingenieuren und Geisteswissenschaftlern. Aus dem einst etwas angespannten Verhältnis zwischen den Disziplinen ist zwischenzeitlich längst eine fruchtbare Zusammenarbeit entstanden, die unter anderem zu einem fachübergreifenden Sonderforschungsbereich geführt hat, dessen Sprecherin Artemis Alexiadou ist. In dem Langzeitprojekt, das seit 2006 läuft und von der DFG finanziert wird, beschäftigen sich 50 Linguisten, Informatiker und andere Wissenschaftler mit Mehrdeutigkeiten in der Sprache. Es geht dabei auch darum, wie fehlende Informationen in einem Satz ergänzt oder interpretiert werden und wie diese Prozesse für maschinelle Sprachverarbeitung genutzt werden können. Für GoogleÜbersetzungen beispielsweise, die meist noch äußerst fehlerhaft sind, wie Artemis Alexiadou sagt. „Wenn sich zwei Menschen unterhalten, verstehen sie trotz zweideutiger Wörter meistens das Richtige. Wenn wir verstehen, warum das so ist, können wir daraus wichtige Erkenntnisse für die Theorie gewinnen und Regeln für die Computerlinguistik aufstellen“, hofft die Wissenschaftlerin.

„Doch Forschung strebt und ringt, ermüdend nie, nach dem Gesetz, dem Grund, Warum und Wie.“ Was Goethe schon vor Jahrhunderten erkannt hat, trifft bei Artemis Alexiadou mitten ins Herz. Ihre große Leidenschaft ist zweifelsfrei die Forschung, die sie nun in den nächsten Jahren mit ungeahnten Möglichkeiten betreiben kann. 2,5 Millionen Euro hat die Leibniz-Preisträgerin zugesprochen bekommen, weshalb sie nun damit liebäugeln kann, gleich mehrere Forschungsprojekte ins Leben zu rufen und dabei voranzutreiben, wofür sie ausgezeichnet wurde: „Die Weiterentwicklung von Modellen und Theorien zum menschlichen Sprachverständnis.“

Ein gelungenes Beispiel an Sprachgewalt hat die Wissenschaftlerin auf ihrer Homepage verewigt: „No single word can describe the greatest comeback ever known in world football.“ Geprägt hat diesen Satz ein englischer Sportreporter, inspiriert vom Eindruck eines denkwürdigen Spiels. Mit drei Toren hatte der FC Liverpool im Champions- League-Finale 2005 gegen den AC Mailand zur Halbzeit bereits zurückgelegen. Was folgten waren drei Tore der Engländer in Hälfte zwei und das bessere Ende für Liverpool im Elfmeterschießen. „Ein absolut unglaubliches Spiel“, sagt Artemis Alexiadou, die leidenschaftlicher Fan des FC Liverpool ist, was wohl mehrere Gründe hat. Zum einen hat sie an der University of Reading studiert und dabei England lieben gelernt. Vor allem aber kommt sie aus einer echten Fußballer-Familie: Ihr Vater war viele Jahre Manager von Olympiakos Volos, einem Club, der damals ganz vorne mitspielte in der ersten griechischen Liga. Als Kind fuhr sie mit dem Team zu den Auswärtsspielen. Und samstags liefen die wichtigsten Partien der englischen Premierleague im Fernsehen. „Ich bin praktisch mit Fußball aufgewachsen.“

Geboren wurde Artemis Alexiadou in Volos, einer Hafenstadt am Fuße des Pilion-Gebirges, die zwischen Athen im Süden und Thessaloniki im Norden Griechenlands liegt. Schon als Kind habe sie sich unheimlich für Worte, Sätze und Sprachen interessiert, schnell lesen und auch leicht Fremdsprachen gelernt, erzählt sie. Später wollte sie dann unbedingt mehr über die Geschichte von Sprachen und auch darüber lernen, warum diese so viele Ähnlichkeiten aufweisen. Genau das fasziniert die Stuttgarter Wissenschaftlerin auch heute noch. Dass man irgendwo in Afrika plötzlich auf eine Sprache stoßen kann, die den gleichen Strukturen wie Deutsch oder Englisch folgt.

Studiert hat die Griechin mit dem göttlichen Namen in Athen, ihren Master in Theoretischer Linguistik machte sie dann an der University of Reading in England. Promotion und Habilitation tragen den Stempel der Uni Potsdam, an der man nun sehr stolz ist auf die berühmte Alumna, wie sie der Gratulation unschwer entnehmen konnte. Bei der Preisverleihung in der Akademie der Wissenschaften in Berlin, zu der sie ihr Mann, ihre Mutter und Kollegen begleitet haben, wurde ihr attestiert, dass sie „mit ihren Studien immer wieder überraschende allgemeine Einsichten darüber zutage fördert, wie Sprachen organisiert sind und wie diese sich wandeln – und dies in einem weltweiten Maßstab“. Sie sei eine der „anerkanntesten Forscherinnen der modernen Grammatiktheorie, die auf dem Gebiet der Syntax und Morphologie zentrale Standards gesetzt und die Theorieentwicklung in den letzten Jahren international entscheidend mitgeprägt hat“, hieß es in der Laudatio. Und der Stuttgarter Unirektor Wolfram Ressel dankte mit den Worten, dass sie „die anglistische Linguistik in Stuttgart zu internationalem Renommee geführt“ hat.

Viel Lob, viel Ehr, viel Geld. In einem ihrer Forschungsprojekte, die sie nun nach ihren eigenen Vorstellungen finanzieren kann, soll es darum gehen, experimentelle Methoden anzuwenden, um Gehirnaktivität zu messen. In einem anderen will die Wissenschaftlerin zusammen mit Doktoranden die Grammatik von Menschen erforschen, die mehrsprachig aufwachsen – was im Zuge der Globalisierung und dem Zusammenwachsen der Staaten immer häufiger der Fall sein wird, wie sie glaubt. Die Erkenntnisse könnten letztlich außer der Theorieentwicklung zu dienen auch ganz praktisch für den Bildungsbetrieb genutzt werden, also insbesondere in den Schulen. „Von der Art der Sprache hängt auch ab, wie ich mit jemandem umgehe, wie Menschen gesehen werden“, sagt Artemis Alexiadou. Sie selbst ist eher der bescheidene Typ, sie geht gerne ins Ballett, neuerdings auch in einen Power-Yoga-Kurs und dann ist da noch Senna, eine kuriose Hundemischung aus Labrador und Dackel. Sich mit einer göttlichen Aura zu umgeben, ist dagegen nicht ihr Fall. Preis hin, Lobeshymnen her.