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Ein Leben unter Spannung

Als Kind hat Nejila Parspour im Iran vom Weltraum geträumt. Heute lehrt die Professorin an der Uni Stuttgart Elektrotechnik und erforscht die Motoren der elektromobilen Zukunft.

Um zu verstehen, warum Nejila Parspour immer unter Strom steht, muss man sich auf eine weite Reise begeben, ins Haus ihrer Großmutter im Iran. Dort ist der Funken übergesprungen. Noch heute fühlt die 48 Jahre alte Professorin diese elektrisierende Mischung aus Faszination und unbändiger Neugier in sich, wenn sie zurück denkt an die Zeit, als sie nach der Schule im Haus der Oma den Schraubenzieher in die Hand nehmen durfte, um den Fernseher zu zerlegen, den Staubsauger, den Kassettenrekorder oder die Saftmaschine. „Strom und elektrische Geräte haben mich schon als Kind fasziniert und ich wollte unbedingt wissen, wie sie funktionieren“, sagt Nejila Parspour. Die Großmutter hat ihren Forscherdrang unterstützt, auch wenn mitunter hinterher ein Techniker kommen musste, weil die zehnjährige Enkelin nicht immer alles wieder zusammengebracht hat. Damals wollte die Musterschülerin noch Astronautin oder Pilotin werden. Mädchenträume der ungewöhnlichen Art. Mit 13 dann, als kein Techniker mehr ins Haus kommen musste und sie problemlos auch den elektrischen Türöffner der Nachbarn reparieren konnte, erklärte sie der Großmutter kurzerhand, dass sie eines Tages Elektrotechnik studieren werde.

Gesagt, getan! Voller Aufregung und Ehrfurcht war die Iranerin am ersten Vorlesungstag an der Technischen Universität Berlin die Treppen zum Hörsaal hinaufgestiegen. Voller Schrecken schlug sie die Türe dann gleich wieder zu. 600 Studenten im Hörsaal, darunter keine einzige Frau. „Es saßen nur Jungs im Hörsaal. Ich bin extra nochmal raus, um auf dem Schild zu schauen, ob ich in der richtigen Vorlesung bin, Physik für Elektrotechniker“, erzählt sie. Es war eine „heftige Überraschung“ für die junge Frau, die aus ihrer Heimat ganz anderes gewohnt war. 1985, als Nejila Parspour in Berlin zu studieren begann, lag der Anteil an Ingenieurinnen im Iran bei 25 Prozent. Heute sind es sogar über 50 – und das auch nur, weil die iranische Regierung eine Männerquote eingeführt hat! Warum die Frauen in ihrer Heimat schon immer selbstverständlich naturwissenschaftliche Fächer wie Maschinenbau oder Elektrotechnik studieren, kann sie sich auch nicht wirklich erklären. Finanzielle Unabhängigkeit sei wichtig für Frauen im Iran, die sehr kämpferisch seien, sich behaupten und etwas im Leben erreichen wollen, sagt sie. Das Interesse für Technik werde zudem schon in der Schule geweckt, in der auch Mädchen Löten und Sägen lernen statt Nähen und Stricken.

Den Lötkolben nimmt sie noch heute gern in die Hand, in ihrer privaten „Bastelstunde“, wie sie es nennt. Wie sehr sie das braucht, die handfeste Beschäftigung mit Technik, hat sie während ihres fünfjährigen Ausflugs in die Industrie gemerkt, bei Philips in Hamburg, wo sie von der Abteilungsleiterin schnell in die oberste Managementetage aufgestiegen war. Glücklich geworden ist sie dabei allerdings nicht. „Ich habe nur noch geleitet und delegiert, war völlig weg von der Technik, der Antrieb hat immer mehr gefehlt“, erzählt Nejila Parspour, die irgendwann dem Ruf ihres Herzens folgte und sich für den schwierigen Weg zurück von der Industrie an die Hochschule entschied. An der Uni Bremen begann sie ihre wissenschaftliche Karriere als Oberingenieurin, bevor sie sich 2006 in Stuttgart auf eine Professorenstelle bewarb und auf Anhieb genommen wurde. Seit 2011 leitet sie auf dem Campus in Vaihingen das neu gegründete Institut für Elektrische Energiewandlung. Maschinen aller Art und die berührungslose Übertragung elektrischer Energie sind nicht nur ihr Spezialgebiet, sondern auch ihre Leidenschaft. Auch in ihrer Freizeit schraubt und lötet die Naturwissenschaftlerin am liebsten in ihrer Werkstatt an komplizierten Maschinen und brütet nebenbei über physikalischen Phänomenen wie der Relativitätstheorie.

„Wenn man zwei Stunden lang mit einem Mädchen zusammensitzt, meint man, es wäre eine Minute. Sitzt man jedoch eine Minute auf einem heißen Ofen, meint man, es wären zwei Stunden.“ So bildhaft hat einst Albert Einstein selbst Relativität erklärt und Nejila Parspour weiß ziemlich genau, wie sich das anfühlen kann.

Die Iranerin hat relativ lange auf einem solch heißen Ofen gesessen, im übertragenen Sinne gesprochen. Weil nach der islamischen Revolution im Iran und dem Ende des Schahregimes Ende der 70er Jahre die Universitäten im Land für lange Zeit geschlossen waren, hatte sie als junge Frau keine andere Wahl, als im Ausland zu studieren. Viele Möglichkeiten gab es aus politischen Gründen nicht: Österreich, die Schweiz, Deutschland. Zunächst landete Nejila Parspour in Budapest, wo sie 14 Monate auf ihr Visum warten musste. Ab und zu erreichte sie etwas Geld, das ihre Eltern aus der Heimat schickten. Ansonsten war die Iranerin im Exil weitgehend auf sich alleine gestellt. „Ich habe eine ganze Woche lang an der Donau gesessen und nur geweint“, erzählt sie.

Geholfen haben schließlich die Gene. Von der Linie des Vaters, der Agrarwissenschaftler im iranischen Ministerium war und fast jedes Jahr mit der ganzen Familie umziehen musste, hat sie die zielgenaue Entschlossenheit geerbt. Mütterlicherseits hat sie den Geist der Wissenschaftler mitbekommen, die Fähigkeit, noch so große Probleme in Ruhe zu analysieren. Fast alle im Stammbaum waren Mediziner, Philosophen und Physiker, wie etwa Onkel George, das große Vorbild, der nach New York auswanderte und als junger Student einen Kaffee mit Einstein getrunken hat. Nejila Parspour wollte von Ungarn nach Berlin. Also setzte sie sich an den Vormittagen mit einem alten DDR-Buch hin und brachte sich selber deutsch bei. Nachmittags ging sie in die Bibliothek und lernte Mathe und Physik. Und abends drehte sie ihr kleines Transistorradio an, um das Nachtprogramm der ARD zu hören, meist den saarländischen Rundfunk, damit sie an ihrer Aussprache arbeiten konnte. „Eines Tages ist dann endlich der Brief von der Deutschen Botschaft gekommen und ich durfte nach Berlin.“

Noch immer liebt sie den Geruch von Maschinenöl und das Brummen der Generatoren wie Musikliebhaber eine Symphonie von Beethoven. Jedes Gerät ist ein kleines Kunstwerk für sie, eine Komposition in Metall. Ein paar Dutzend solcher Miniaturmotoren hat sie in ihrem Büro auf einer Vitrine stehen, an der Wand gegenüber hängt ein Bild vom Hamburger Hafen, Maschinenromantik mit Frachtkränen. Ihr liebster Ort an der Uni liegt aber einige Etagen tiefer. Die große Maschinenhalle mit ihren Prüfständen, Messgeräten und anderen Apparaturen ist das Herz des Instituts, der Antrieb und große Unterschied zu anderen Lehranstalten. „Die Ausstattung unseres Instituts ist großartig“, sagt sie. Einzigartig sei zudem, dass im Bereich der Elektrotechnik namhafte Unternehmen ihren Standort in der Region hätten. Nicht von ungefähr bekommt das Institut regelmäßig Forschungsaufträge, die sich einerseits bezahlt machen und für die Studenten obendrein spannender und lehrreicher sind als Trockenübungen im Labor.

Mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt tüfteln Nejila Parspour und ihre Studenten gerade an der kontaktlosen Übertragung von Energie auf Schnellzüge, ein vom Bund geförderte Projekt namens „The Next Generation Train“. Und in naher Zukunft soll hier an der Entwicklung energieeffizienter Motoren für Roboter und Nutzfahrzeuge geforscht werden. „Wenn man etwas entwickeln und bauen kann, das auch praktisch eingesetzt wird, läuft man nicht Gefahr, sich im Elfenbeinturm zu verlieren“, sagt die Professorin, die für ihre innovativen Ideen schon etliche Preise gewonnen hat, darunter in diesem Jahr auch den Übermorgenmacher-Preis des Landes für eine Technik, die das Aufladen von Elektroautos während der Fahrt ermöglichen soll.

Nejila Parspour selbst, die mit einem Franken verheiratet ist, lädt ihre Akkus im Wald, durch den sie dreimal in der Woche joggt. Sie schwimmt für ihr Leben gerne, malt Aquarelle, macht Musik oder bastelt mit ihrem elfjährigen Sohn, natürlich an Maschinen aller Art. Wann immer sie Zeit hat, fährt sie mit ihm auf die Besucherterrasse am Stuttgarter Flughafen, wo er stundenlang bei den Landungen und Starts zuschauen kann. Auch er ist fasziniert von der Welt der Technik, die nächste Generation von Wissenschaftlern in der Familie scheint also bereits heranzuwachsen. Zwar will der Filius derzeit lieber Pilot werden. „Aber das“, sagt Nejila Parspour, „war bei mir in diesem Alter ja auch noch so.“