Wissenschaft
und
Hochschulen
Übersicht
Hochschul- und Wissenschaftsregion Stuttgart
 
Studenten-
ansichten
Über uns
Kontakt
 
Naturwissen-
schaften
Wirtschaft
Finanzen
Management
Kunst
Medien
Musik
Technik
IT-Wesen
Architektur
Bauwesen
Pädagogik
Sozialwesen
 
 
die welt verändern. No11 Magazin ansehen »

Naturwissenschaften

Portraits mehr »

exemplarische Studienangebote mehr »

Hochschulen mehr »

Der geerdete Entdecker

Vom Dorf in Böhmen zur Professur in Schwaben: Jan Sneyd, ein passionierter Pflanzenzüchter, hat 23 Jahre an der Nürtinger Hochschule unterrichtet. Jetzt rettet er im Unruhestand gefährdete Gewächse.

Es gibt ein Buch von Siegfried Lenz, in dem sich die masurische Seele spiegelt. „So zärtlich war Suleyken“, heißt das Werk voll seltsam gebauter Sätze und wundersamer Anekdoten. „Hamilkar Schaß, mein Großvater, ein Herrchen von, sagen wir mal, einundsiebzig Jahren, hatte sich gerade das Lesen beigebracht, als die Sache losging“, schreibt Lenz in seinem Buch. Wer diese Zeilen gelesen hat, dem kriechen sie unweigerlich aus der Erinnerung, wenn einer wie Jan Sneyd anhebt, seine Sicht auf die Welt zu erklären.

Jan Sneyd hat einiges gemein mit Hamilkar Schaß. Er formuliert wie er, er ist so alt wie er und hat wie er die Gabe, großartige Geschichten im Kleinen zu erzählen. Geschichten, die gewürzt sind mit einer guten Portion Selbstironie und einer Prise Verschrobenheit. Man möchte ihm stundenlang zuhören. So sitzt man also an einem Morgen in Nürtingen in der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt, denkt an Hamilkar Schaß und lauscht bestens unterhalten Jan Sneyd, einem deutschen Landbauprofessor mit tschechischen Wurzeln, dessen Vorlesung im Ruhestand vom Leben handelt, dem prallen.

Es geht um Pflanzen, solche die „Dickkopfweizen“ heißen und fast verschwunden wären, auch um Kapern geht es, denen ein Buch gewidmet ist, um die Studenten von heute und um einen vertriebenen Tschechen, der sich nie hätte träumen lassen, in schwäbischen Gefilden angehende Landwirte und Agrarwissenschaftler darin zu unterweisen, wie sie ihre berufliche Zukunft möglichst ertragreich gestalten können.

Was seine eigene Zukunft betrifft, war Jan Sneyd lange von der Planwirtschaft bestimmt. Das Licht der Welt hat er in Mähren erblickt, genauer in Zlin, wo die Schornsteine der Schuhfabrik Bata unter dem umsäumten Himmel der kommunistischen Partei rauchten. Vater Jaroslav ist Beamter, Mutter Edith kümmert sich um die vier Kinder. Nach dem Abitur studiert Sneyd an der ehrwürdigen Hochschule für Landwirtschaft in Brünn. Er hat keine Wahl. Das Fachgebiet wird zugeteilt.

Im Jahr 1963 bekommt er sein Diplom und einen Job auf einem Staatsgut mit 10.000 Hektar. Er ist dort offiziell leitender Agronom, tatsächlich ist er eher leidender Agronom. Sneyd fühlt sich wie in der Verbannung. Im August 1968 walzen die Russen mit ihren Panzern die Reformbewegung des Prager Frühlings nieder. Als deutschstämmiger Tscheche erhält er einen Reisepass und schlägt sich nach Wien durch. Dort braucht allerdings keiner einen Pflanzenzüchter. In der Not heuert Sneyd als Elektrohilfsmonteur an und zieht Kabel durch Neubauten. Abends wälzt er Telefonbücher auf der Suche nach einem Stipendium. In Hamburg wird er fündig. Reinhold von Sengbusch, ein Pionier in der Pflanzenzüchtung, dessen Schöpfungen so manche Speisekarte bereichern, nimmt sich seiner an.

Sneyd geht in seiner Arbeit auf und auch privat findet der Flüchtling einen Hafen. In der Hansestadt lernt er die junge Krankenschwester Bohumila kennen und heiratet sie. 1975 promoviert Sneyd. Einen wie ihn, der lange umgeben vom eisernen Vorhang lebte, zieht es hinaus in die Welt. Vielleicht ist ihm deshalb jene Anzeige in einem landwirtschaftlichen Fachblatt ins Auge gesprungen. Eine große Saatgutfirma sucht für die Türkei einen Fachmann für Pflanzenzucht. Die Sneyds ziehen nach Ankara.

Fünf Jahre bleiben sie im Süden. Inzwischen sind sie ausgebürgert aus Tschechien, aber in der Türkei kann sich die Familie ihre Zukunft dauerhaft nicht vorstellen. Am Bosporus ist es in jenen Jahren politisch unruhig. 1982 zieht die Familie wieder zurück ins niedersächsische Einbeck, wo die Saatgutfirma nicht weit ist, in der es allerdings nicht gleich einen idealen Platz für den Rückkehrer gibt.

Wieder liegt eher zufällig eine Zeitungsanzeige auf dem Tisch. Die Hochschule in Nürtingen sucht einen Professor für Pflanzenzucht. Jan Sneyd versucht sein Glück. Er ist nicht allein. Es gibt 16 Kandidaten. Seine Frau erklärt ihn für verrückt. „Wie willst du das machen?“, fragt sie. „Du bist doch kein großer Redner!“

Sneyd hält in Nürtingen eine Probevorlesung über die Grenzen der Intensivierung in der Landwirtschaft. Er hat fünf Plakate gemalt, die in der dritten Reihe freilich keiner mehr lesen kann. Der Bewerber fällt durch. Das gilt auch für alle anderen Kollegen. Die Saatgutfirma schickt Sneyd, der seinen Traum von der Professur für geplatzt hält, für eine Zeit nach Moskau. Als sich der Familienvater zu Hause meldet, traut er seinen Ohren nicht. „Du hast die Stelle“, berichtet die Gattin aufgeregt. Dienstbeginn 1. März 1983 an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt in Nürtingen.

Aus dem leidenschaftlichen Pflanzenzüchter Jan Sneyd wird ein nicht minder leidenschaftlicher Professor, der sich um eine praxisorientierte Ausbildung für eine zukunftsfähige Landwirtschaft bemüht. Der Neue hält Vorlesungen im Studiengang Agrarwissenschaft, baut Sonnenblumen und Getreide im Versuchsbetrieb an, lässt Felder beurteilen. Säen und ernten. Die Jahre ziehen ins Land. Jan Sneyd bleibt sich treu. Er nimmt sich selbst nicht so wichtig und lacht über die eigenen Schwächen. Das macht ihn stark. Mehr als hundert Fachveröffentlichungen kommen im Laufe seiner Lehrzeit zusammen. Sneyd wirkt an fünf Büchern mit, gestaltet vielbeachtete Ausstellungen, organisiert wissenschaftliche Exkursionen in seine alte Heimat und betreut mehr als 80 Diplomarbeiten.

Als er im Jahr 2005 pensioniert wird, hat sich die Welt auf den Äckern verändert. Es gibt jetzt Ökolandbau und Biosprit und Maisfelder so weit das Auge reicht. Inzwischen ist er Großvater, aber einer voller Tatendrang. Während andere Wissenschaftler in dieser Lebensphase die Füße hochlegen, hält er es eher mit Martin Walser: „Dem Gehenden schiebt sich der Weg unter die Füße.“

Sneyd geht auf die Suche nach alten Getreidesorten, die von den Feldern verschwunden sind und entdeckt dabei für sich und die Nachwelt den Dickkopfweizen, der früher in ganz Europa heimisch war, aber vor 60 Jahren durch ertragreichere Hochzuchtsorten verdrängt worden ist. In letzter Minute bewahrt der Unruheständler die Pflanze vor dem Untergang. Sneyd sät die wenigen noch verbliebenen keimfähigen Körner aus und vermehrt sie. Inzwischen hat er im Bäckerhaus Veit einen Partner für das Rekultivierungsprojekt gefunden. Es wird nicht mehr lange dauern, bis das erste Brot der fast untergegangen Sorte über schwäbische Ladentische gehen wird.

Sneyd kauft sich eine Parzelle am Beurener Bächle mit Blick auf den Hohenneuffen. Sein Gartenhaus ist voller Samen. Einmachgläser mit Dinkel, Nacktgerste und Mais stehen neben türkischen Dreschschlitten, Hacken und Sägen. Über der Türe hängt ein Teller mit einem Satz aus dem Vaterunser, der allzu leicht in Vergessenheit gerät in einer Gesellschaft, die scheinbar alles im Überfluss hat: „Unser tägliches Brot gib uns heute.“

Auf seine alten Tage ist der pensionierte Professor nicht nur zum Gärtner geworden, sondern mehr noch zum Entdecker, der mit seiner Arche Noah über die Felder dieser Welt schippert und dabei Ausschau hält nach dem, was ohne ihn untergehen würde. Auch um die Alb-Linse macht er sich mit anderen verdient. Sie linst jetzt wieder am Albtrauf aus dem Boden, gleich neben dem Freilichtmuseum zu Beuren, wo es Führungen gibt mit Jan Sneyd. Ach ja. Auch die Kapern hat er gekapert. Er entdeckte seine Liebe zu dieser Pflanze in der Türkei und jetzt, wo er im Ruhestand ist, hat er das erste und einzige Buch über die vielseitige Nutzpflanze verfasst, die für ihn ein Wunderwerk der Schöpfung und Evolution ist.

Als wäre das alles noch nicht genug, hat sich der Hamilkar Schaß von Beuren für dieses Jahr vorgenommen ein weiteres Buch zu verfassen, eines mit 100 Geschichten aus seinem Leben, das nicht nur gedacht ist für die vier Enkel, sondern für alle, die Freude haben an hübschen Anekdoten und an der Sache überhaupt. Fast hört man sie schon fliegen, die Buchstaben von Siegfried Lenz: „Die Sache: darunter ist zu verstehen ein Überfall des Generals Wawrila, der unter Sengen, Plündern und ähnlichen Dreibastigkeiten aus den Rokitno-Sümpfen aufbrach und nach Masuren, genauer nach Suleyken, seine Hand ausstreckte.“ Auf Wiedersehen, Herr Sneyd.