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Der Herr über den Urknall

Er gehört zu den Popstars unter den Physikern und leitet am Genfer See das größte Forschungszentrum der Welt: der Stuttgarter Professor Rolf-Dieter Heuer.

Es gibt eine hübsche Geschichte von Paul Watzlawick, die von einem Autofahrer handelt, der unter einer Laterne nach seinem Schlüssel sucht. Ein Passant sieht dem Treiben eine Weile zu und erkundigt sich dann bei dem Ärmsten, ob er sicher sei, den Schlüssel gerade hier verloren zu haben. Worauf der Mann antwortet: „Nicht hier, sondern dort hinten – aber dort ist es viel zu finster.“

Auch Rolf-Dieter Heuer sucht einen Schlüssel unter einer Laterne, ohne zu wissen, ob er dort ist. Er weiß nicht einmal, ob es ihn wirklich gibt. Seine Hoffnungen ruhen auf einem 27 Kilometer großen Mikroskop, dem nichts entgeht. Mit ihm will er den Schlüssel finden – den Schlüssel zur Antwort auf die Frage, was die Welt zusammenhält.

Es ist Mittagszeit am Conseil Européen pour la Recherche Nucléaire, kurz CERN, dem weltgrößten Forschungszentrum auf dem Gebiet der Teilchenphysik. An den Rand des Jura, nicht weit vom Genfer See entfernt, schmiegen sich graue Bauten, hinter denen kluge Köpfe ihrem Tagwerk nachgehen. An diesem Ort pulsiert die Forschung wie vielleicht nirgendwo sonst. 2.400 Angestellte, 600 Stipendiaten, 10.000 Gastwissenschaftler aus 90 Nationen, Jahresbudget 1,1 Milliarden Schweizer Franken. Gar nicht so leicht, hier den Durchblick zu behalten. Der Generaldirektor Heuer versucht es trotzdem.

62 Jahre alt ist der Stuttgarter, die meisten davon hat er der Physik gewidmet. Sie trägt ihn und sie treibt ihn. Amerika, Japan, China, Korea, Indien. Heuer ist einer der Stars seiner Branche und eine Art Forschungsreisender. Im vergangenen Jahr ist er mehr als 100 Tage unterwegs gewesen. Der Professor ist gefragt, denn Heuer steht für das Ungeheuerliche. Unter seiner Regie hat am CERN das größte nichtmilitärische Experiment aller Zeiten begonnen. In einem 27 Kilometer langen und hundert Meter tiefen Ringtunnel lenken Forscher mit Hilfe gewaltiger Teilchenbeschleuniger zwei gegenläufige Protonenstrahlen aufeinander, auf dass die Atombausteine mit nie zuvor erreichter Energie kollidieren. Auf diese Weise simulieren die Physiker den Urknall. In drei Jahren soll der Large Hadron Collider, wie das Technikwunder heißt, auf volle Energie gefahren werden. Man kann sich das wie bei einem Hammerwerfer vorstellen, der im Moment sein Trainingspensum steigert. Bei der Weltmeisterschaft gibt er alles und schleudert das Teil zum Weltrekord. Trifft sein Hammer mit dem eines Kollegen zusammen, gibt es jede Menge Kollisionssplitter. Im CERN werden diese Elementarteilchen von gewaltigen Detektoren aufgefangen und untersucht, die Ausmaße von Kathedralen haben. Die beteiligten Wissenschaftler erhoffen sich dabei Hinweise, die so manches Rätsel der Physik erklären können.

Rolf-Dieter Heuer ist ein glänzender Botschafter solcher Grundlagenforschung. „Nur fünf Prozent des Universums besteht aus Materie, die wir kennen. 95 Prozent kennen wir nicht“, sagt er. „Wir wissen, dass ein Viertel davon aus dunkler Materie besteht, die wir nicht sehen. Wenn wir Glück haben bei unserem Experiment, bekommen wir dieses eine Viertel in die Hände.“ Dafür ackert er, dafür vergisst er auch einmal das Mittagessen. „Can you look for a sandwich?”, fragt der Generaldirektor ins Vorzimmer, wo zwei Sekretärinnen sitzen. Die eine kommt aus Kroatien, die andere aus Finnland. Ihr Chef ist ein angenehmer Mensch. Er sitzt vor einer Tasse Kaffee mit schlohweißem Haar, Tränensäcken unter den Augen und der Gewissheit im Bauch, am richtigen Ort zu sein. „Ich war nie der beste Forscher“, behauptet er. „Aber ich konnte das Gefühl für Menschen mit der Physik gut verbinden.“

Genau darauf kommt es an im weltgrößten Forschungslabor. Dort gibt es Professoren, die sich mit der Aura einer Diva umgeben, Sommerstudenten aus Israel und Palästina sowie Teilelieferanten aus China, die in einer Werkhalle mit kritisch beäugten Kollegen aus Taiwan an einem Projekt arbeiten. Völkerverständigung und Wissenstransfer sind am CERN lange gelebte Philosophie. Nicht von ungefähr ist hier eher zufällig die Idee für das weltweite Datennetz entstanden. Wissenschaftler aus allen Kontinenten überlegten, wie sie in Kontakt bleiben können und erfanden dabei eine neue Softwareplattform, aus der sich das World Wide Web entwickelt hat. Solche Zufallsprodukte gibt es öfter, wenn sich die Gelehrten aufmachen, die Welt zu ergründen. Als Michael Faraday einst über Elektromagnetismus forschte, gab es weder Bedarf an Elektrizität noch an Magnetismus. Der damalige Premierminister fragte den Forscher: „Worin besteht der Nutzen dieser Sache?“ Und Faraday soll geantwortet haben: „Ich weiß es nicht, aber eines Tages werden Sie darauf wahrscheinlich Steuern erheben.“ Auch Kernspintomografen, die heute für medizinische Diagnosen von zentraler Bedeutung sind, gibt es nur, weil Physiker supraleitende Magneten für Teilchenbeschleuniger benötigt haben. Wäre allein der ökonomische Nutzen das Kriterium gewesen, hätte wohl niemand derart teure Apparate jemals gebaut.

Einer wie Heuer lässt als Generaldirektor Raum für die Kreativität der Science Community. Der Job am Genfer See ist für ihn die Krönung einer Karriere, die im Physiksaal des Friedrich-Eugens-Gymnasiums beginnt. Rolf-Dieter Heuer, Sohn eines Versicherungskaufmanns, geht hier zur Schule und trifft auf einen Physiklehrer namens Neunhöfer, der sein Talent früh erkennt. „Heuer, wenn du nicht Physik studierst, machst du was falsch.“ Der Schüler hält sich an den Rat seines Mentors, büffelt emsig für sein Abitur und studiert danach Physik in Stuttgart. Er schreibt sich gleich ins zweite Semester ein, nachdem er zuvor 18 Monate Wehrdienst in Kassel abgeleistet hat. Rolf-Dieter Heuer will die Zeit aufholen und bereut es schnell. „Der Anfang fiel mir schwer. Ich habe fast nichts verstanden, das war furchtbar.“ Manche Geschichten dauern länger bis zum Happy End. „Ich war kurz davor, mein Studium aufzugeben und mit Freunden eine Pommesbude aufzumachen“, sagt Heuer. Er tut es nicht, sondern kämpft sich hinein in eine Materie, die ihn seitdem nicht mehr loslässt. Nach der Diplomarbeit in Stuttgart zieht es ihn für die Promotion nach Heidelberg, anschließend führt sein Weg zum ersten Mal ans CERN. Rolf-Dieter Heuer bleibt 15 Jahre, ehe er nach Hamburg umzieht, als Professor an der Universität lehrt und im Forschungszentrum DESY arbeitet, das sich auf Entwicklung und Bau von Teilchenbeschleunigern spezialisiert hat. Vier Jahre ist Heuer dort Forschungsdirektor für Hochenergiephysik. 2009 wird er Generaldirektor des CERN. Seitdem lebt Rolf-Dieter Heuer mit seiner Frau Brigitte in Peron, einem französischen Dorf gleich hinter der Schweizer Grenze. Der Alltag ist dort billiger.

Er ist Schwabe geblieben, all die Jahre, das kriegt man nicht so leicht los. Seine Mutter wohnt noch in Stuttgart, und wenn er mal dort ist, dann verfolgt der Globetrotter, was die Fußballer vom Wasen machen. Er saß früher öfter im Stadion. Alte Liebe rostet nicht. „Ich bin VfB-Fan!“ Der Geist des Aufbruchs ist schön, vielleicht schöner als der Aufbruch selbst. Rolf-Dieter Heuers Amtszeit als Generaldirektor endet 2013. Bis es so weit ist, reist und schläft und spricht er für die Wissenschaft. Dies ist seine Chance, und er weiß, sie kommt nicht wieder. „Der beste Job, den man als Teilchenphysiker kriegen kann.“ Wenn alles gut geht, wird es in seiner Amtszeit die große Entdeckung geben, die vieles erklärt. Vielleicht auch die Frage, warum alle bisher bekannten Bausteine der Natur unterschiedlich viel Masse haben. Vor mehr als 30 Jahren hat der schottische Physiker Peter Higgs eine mögliche Antwort gegeben. Danach könnte es ein besonderes Teilchen geben, das über die Massen aller Elementarteilchen entscheidet. Wird das berühmte Higgs-Teilchen bald im Wissenschaftslabor am Genfer See gefunden? „Es kommt bestimmt irgendwas raus“, sagt Rolf-Dieter Heuer, der Professor unter der Laterne. „Wir wissen nur nicht, wann und wo.“